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Gastartikel: Natural born Minimalist

© Axel Löwenstein

© Axel Löwenstein

Manchmal macht es Sinn sich einfach mal zu fragen, ob man nicht vielleicht schon immer so war.
Irgendwie anders.
Mein Vater hatte schon früh den Verdacht, dass ich „anders“ bin. Seine väterliche Sorge, dass es sich hierbei um Homosexualität handeln könnte, verflog schlagartig, als er meine ausschweifende Jugend mit großem Missfallen zur Kenntnis nehmen musste.
Die Tatsache, dass er mir folgenden Rat gegeben hatte, leugnet er bis heute beharrlich: „Junge, Du kannst nicht alle Frauen haben, aber ich erwarte, dass Du es versuchst!“
Wenn er mich heute so reden hört wünscht er sich wahrscheinlich, dass ich wirklich schwul geworden wäre. So langweilig schwul, wie die meisten Politiker in unserer Republik.
Sorry Papa, aber manchmal entwickeln sich die Dinge anders.

Mein coming out
„Bevor ich es vergesse, ich bin jetzt übrigens Minimalist“, verkünde ich die frohe Botschaft über die reichlich gedeckte Kaffeetafel.
„Aber warum?“, ruft mir meine Mutter entsetzt entgegen.
„Nur für den Kick, für den Augenblick?“, ergänzt mein Bruder grinsend.
„Minimalist, nicht Extremist“ blafft mein Vater dazwischen. „Dein Sohn zieht jetzt in den Wald und wohnt in einer Höhle.“
„In einer Höhle? Musst Du denn da mit?“, fragt mein Mutter besorgt in Richtung meiner Frau, die verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht sich zu verstecken.
„Na ja, so dramatisch ist es eigentlich gar nicht. Unsere Einfamilienhöhle haben wir richtig lieb gewonnen, die bleibt. Axel und ich investieren jetzt mehr in gemeinsame Erlebnisse und bleibende Dinge, anstatt den nächsten überflüssigen Konsumartikel zu kaufen“, erläutert meine Frau vorsichtig.
Noch bevor sie ein geeignetes Versteck findet, holt mein Vater zu einem seiner gefürchteten Monologe aus. In epischer Breite und gesellschaftskritischer Weise geht es gegen „die da oben“ im Allgemeinen und „Konsum“ im Besonderen. Mit so einem feinsinnigen Wortschwall ist die Lufthoheit über dem heimischen Wohnzimmertisch schnell erobert und wird dann auch erbittert verteidigt.
Meine Mutter tut, was eine Mutter in so einer Situation tun muss.
„Ach ist das nicht schön, dass wir alle hier so gemütlich zusammen sitzen? Möchte noch jemand Kaffee oder Kuchen?“, fährt sie unvermittelt in den Höhepunkt seines Diktats.
„Ich nehme noch ein Stück Kuchen“, murmelt mein Vater mürrisch und schüttelt dabei sein greises Haupt.
„Achte auf deinen Zucker“, mahnt meine Mutter mit erhoben Zeigefinger.
„Danke, aber ich komme schon ganz gut alleine klar“, seufzt er zurück.
„Wilfried!“ Der Ton wird schärfer.
„Tja, Diabetes ist kein Zuckerschlecken“, lacht mein Erzeuger in vollendeter Ignoranz.
Bevor es zu einem vollständigen Stimmungsabriss kommt, wechselt meine Mutter routiniert das Thema, um den trudelnden Partyflieger abzufangen.
„Axel, wie kommst Du nur immer auf diese verrückten Ideen?“, hinterfragt sie die aktuelle Situation besorgt.
„Weil die Frucht deiner Lenden Bücher von Helge Schneider und Charles Bukowski liest. Da muss man ja verrückt werden!“, schwadroniert mein Vater, wobei ihm sein Kuchenstück von der Gabel fällt. Ein Zeichen von Diabetikus, dem Schutzpatron der Zuckerkranken? Man weiß es nicht!

„Mein Pups riecht nach Kacka!“, entfährt es meinem Neffen plötzlich und unerwartet.
„Der Beweis für deine These, liegt gewissermaßen in der Luft.“, entgegnet mein Bruder kindgerecht und pädagogisch wertvoll. Stolz wirkt er dabei aber nicht.

Ungeachtet des unappetitlichen Zwischenfalls erscheint das Verlangen meines Vaters nach Zucker ungebremst. Im zweiten Anlauf ist der alte Herr ohne Gabel erfolgreich.
Meine Frau hat inzwischen ein Versteck gefunden. Die Glückliche!

Der kleine Axel
„Mal im Ernst.“ Mit dieser bedeutungslosen Floskel leitet meine Mutter jeden bedeutungsvollen Satz ein. Selbst auf Beerdigungen.
„Du warst doch schon als Kind ein Minimalist.“
„Du hast den anderen Kindern an deinem Geburtstag immer die Geschenke wieder mit nach Hause gegeben, weil Du der Meinung gewesen bist, dass Du schon genug Spielzeug hast. Und einmal bei dem Kinderfest hast Du den ersten Preis (ein riesiges, sündhaft teures Zelt) einfach liegen lassen, weil Du das Buch von Pippi Langstrumpf unbedingt haben wolltest. Das habe ich bis heute nicht verstanden. Oder denk mal an das WG-Zimmer in Berlin. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und sonst…“
„Sonst nur Bücher“, krächzt meine Vater dazwischen. „Das war doch die Keimzelle für die ganzen subversiven Gedanken. Mit deinen ach so tollen Freunden. Die wurden doch alle aus Kuba ferngesteuert. Wenn ihr wenigsten was aus eurer Kreativität gemacht hättet, so wie Bill Gates. Aber ihr Pfeifen … Punkmusik und weltbewegende Texte. Ich lach mich tot. Wahrscheinlich habt ihr im Drogenrausch damals den Kennedy umgelegt“, wütet das männliche Elternteil.
Dieser Mann hat mal in führender Position gearbeitet und dort ein Brainstorming mit den Worten eingeleitet: „Fangt gar nicht erst mit diesem durchgedrehten Geschwafel an. Ich brauch handfeste Vorschläge.“ Er war nicht wirklich der Motor für Veränderungsprozesse in der Geschäftsführung.
Bevor mein Vater vollständig das Gefühl für Zeit und Raum verliert, tut meine Mutter was eine Mutter in so einer Situation tun muss. Das passt ganz gut, denn ich mag grad sowieso noch eine Tasse Kaffee.
Mein Bruder hat das bizarre Treiben bisher mit angemessener Zurückhaltung beobachtet, doch jetzt platzt es aus ihm heraus: „Stellt euch mal vor, dass die Aliens diese Durchgeknallten hier zu Forschungszwecken auf ihr Raumschiff entführen, um zu entscheiden ob die Menschheit weiter leben soll.“
„Wir werden alle sterben!“
Wie er mir später vertraulich berichtete, hatte er uns beobachtet und sich gefragt, ob die CIA tatsächlich schon Roboter entwickelt hat, die dem Menschen täuschend ähnlich sehen. Das war seine einzige logische Erklärung für den Mist, den wir in seinen Augen geredet hatten.
Kopfschüttelnd verlässt er das Wohnzimmer, um sich draußen bei einer Zigarette zu entspannen. Im Vorbeigehen zeigt er mir auf seine liebevolle Art, wie er seit über 40 Jahren mit meiner sensiblen Gedankenwelt umgeht. Er schlägt mir mit der flachen Hand auf den Hinterkopf und murmelt: „Spinner“.

„Das geht raus an alle Spinner. Wir sind die Gewinner!“ (Revolverheld)

Ich sitze jetzt in meinem ehemaligen Kinderzimmer und blättere lächelnd in einem Buch. Ich finde Pippi Langstrumpf auch heute noch cool.
Vielleicht hat meine Mutter ja Recht und ich war schon immer Spinner und Minimalist!

Mein Name ist Axel Löwenstein. Ich bin ein humorvoll gealterter Autor, der hauptamtlich „Hundegeschichten“ schreibt. Ich genieße aber immer wieder die Ausflüge ins „ernste Fach“ und schreibe dann zu Themen, die mich stark bewegen. Hierzu gehört natürlich der Aspekt Minimalismus, der hier auf www.minmalismus-leben.de sachlich und kompetent beleuchtet wird.

13 Kommentare

  1. Hallo Axel,

    zum Glück hat meine Familie zumindest beim Thema Minimalismus etwas sanfter reagiert – bei meiner Entscheidung vegetarisch (und später vegan) zu leben, war das schon etwas anders. Über die Zeit ist dann etwas ganz interessantes passiert: Plötzlich kochen sie selber an vielen Tagen bewusst fleischlos und fragen mich nach Tipps und Rezepten. Vielleicht wirkt euer Handeln genau so auf eure Verwandten und ehe sie es merken, räumen auch sie ihre Schubladen und Keller auf?

    Liebe Grüße, Svenja (Apfelmädchen)

    • Hey Svenja,

      schön, dass Du mit deiner Familie einen entspannten Einstieg in das Thema hattest.

      Die Berührungsängste meiner Eltern sind inzwischen abgebaut und sie fragen gezielt nach, ob und wie sich mein Weg entwickelt. Das ist schön! Sie sind selbst in vielen Bereichen Minimalisten, ohne das bewusst zu erleben.

      Gruß Axel

  2. Hallo Axel,

    danke für den höchst unterhaltsamen und rhetorisch sehr ansprechenden Beitrag! 🙂

    Wie schön und wichtig, dass deine Frau bei deinem minimalistischen Leben mitmacht. Hat sie vorher auch schon minimalistisch gelebt? Dass ihr beide an einem Strang zieht, ist wohl auch wichtiger als die Familie. Aber wie Svenja schon geschrieben hat – es ist erstaunlich, wie sich teilweise auch die Ansichten der Familie verändern. Zu Beginn des vegetarischen Lebens: „Bist du denn satt geworden???“ (Opa, besorgt) oder zu Beginn des minimalitischen Lebens: „Man muss es ja auch nicht übertreiben“ (Oma). Und plötzlich berichten dir Eltern, Freunde, Kollegen, dass sie gerade kräftig am entrümpeln seien. Immer wieder spannend, wie man andere, ohne es bewusst darauf abzuzielen, positiv beeinflussen kann 🙂

    Liebe Grüße
    Nele

    • Hallo Nele,

      freut mich, dass dir der Beitrag gefällt. Sowas kann man auch nur hier bei Michael machen!

      Die Frage ist doch, ob meine Frau überhaupt eine Leben vor mir hatte. 😉 Ich will es mal so sagen: Sie ist „selektiver Minimalist“. Es gibt Ansichten, die ihr gefallen und wieder andere, die sie nicht teilt. Sie pickt sich das beste aus allen Welten für ihr persönliches Wohl heraus. Das halte ich auch für absolut legitim.

      Ich kann „Minimalismus“ gar nicht abschließend für mich definieren. Da ist einfach dieses Bedürfnis nach mehr Achtsamkeit im Umgang mit seiner Umwelt und sich selbst. Es bleibt spannend!

      Gruß Axel

  3. Lilian

    Hey Axel,

    Meine Eltern meinten nur das ist bestimmt nur ne Phase genau wie mit meinem vegetarischen und mittlerweile veganen Ernährungsweise (seit 3 Jahren, ist halt ne lange Phase ) .
    Aber deine Beschreibung trifft es ziemlich genau als ich es meinen Großeltern erzählt habe. Hach ist doch immer wieder schön wie ähnlich Familientreffen so ablaufen.
    Auf uns verrückten und das die Phase nie enden möge!

    Liebe Grüße

    Lilian

    • Hallo Lilian!

      Du hast aber sehr ausdauernde Phasen. Definitiv ein Spinner! 😉

      Bei meinen Eltern war deutlich spürbar, dass sie der Begriff „Minimalismus“ negativ belegt war. da war sofort eine Angst vor Verzicht. Auch wenn sie meinen Weg nicht gehen würden, haben sie verstanden, dass der scheinbare Verzicht am Ende doch ein Gewinn sein kann.

      Aber bekloppt ist meine Sippe trotzdem! 🙂

      Gruß Axel

  4. Hallo Axel,

    ja, Kinder sind Minimalisten. Denen reicht ein Fußball für viele Stunden oder ihr Fahrrad oder Springseil und sind versunken ins Spiel und glücklich. Denen reicht zu neunt ein Skateboard, Förmchen und Brunnen und nach 3 Stunden ist der Staudamm fertig. Für die ist alles ein Spiel. Nur die Erwachsenen kommen mit dem fertigen Spielzeug um die Ecke. Zum Glück war das bei mir nicht so.

    Das waren gerade meine Gedanken zwischen Keller und Wohnung nachdem ich über ein Kinderquad gefallen bin. Vollplastik. Reg mich jedes mal drüber auf.

    PS: Ein imaginärer Hund wäre minimalistischer.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Hey Tanja,

      ich hatte als Kind eine Silberbüchse die mir meine Opa zurechtgesägt hat. (Ging nur bei ihm, weil meine chronisch pazifistische Mutter das immer abgelehnt hat) Die hab ich dann selber angemalt und bin als Old Shatterhand groß raus gekommen.

      „Imaginärer Hund“ Hund lädt ja direkt zum imaginären Spaziergang ein und man könnte dabei vorm imaginären TV sitzen bleiben. Sehr minimalistisch!

      Gruß Axel

  5. Hallo Axel,

    danke für den unterhaltsamen Einblick in dein Coming Out und euer Familienleben! 🙂 Meines Erachtens haben die meisten Menschen ein Problem mit anderen Lebensweisen, weil es schnell als Angriff auf die eigene Lebensweise verstanden wird. Oft das Mittel der Wahl: Angriff als Verteidigung. Umso schöner, wenn sie dadurch zum Denken angeregt werden.

    Alles Liebe,
    Philipp

    • Hallo Philipp!

      Ich sehe das genau so. Fest verankerte Denkmodelle, die man über Jahrzehnte für richtig erachtet hat, werden plötzlich infrage gestellt. Das kann Angst machen.

      Meine Devise lautet: Zum Umdenken bewegen, ohne zu missionieren!

      Gruß Axel

  6. Martin

    Hallo Axel
    Herrlich dieser Gastbeitrag.
    Ja, Familie – anstrengend und manchmal zum Kopf schütteln – aber halt doch die Familie, die einen mehr geprägt hat, als einem manchmal lieb ist.
    Ich merke je länge je mehr, dass ich gar niemandem mehr sage, was ich „mache“. Ich sag gar niemandem mehr, dass ich minimalistisch lebe / leben will. Ich mache es einfach.
    Das gleiche mit dem vegetarischen Essen. Ich muss es gar niemandem sagen, sondern einfach aufs Fleisch verzichten. Oder auf Besuch vielleicht: «Danke, aber ich nehm lieber die Teigwaren und das Gemüse.» «Bist du Vegatrier?» «Ja, aber darüber müssen wir nicht sprechen. … hattet ihr schöne Ferien?»
    🙂

    Gruss Martin

  7. Moin Martin!

    Das ist doch ein wirklich charmanter Ansatz, wenn er denn toleriert wird. Oft gerät man ja mit seinem Lebensmodell ins Kreuzverhör. Ein Kollege von mir wurde neulich gefragt, ob er denn krank sei, weil er ja auf Fleisch verzichten würde. Ergänzt um die Frage, wann er denn wieder „normal“ essen würde.

    Ich habe eine ähnlich zurückhaltende Eigen-PR. So weit der Spagat möglich ist, gehe ich auf die „Zweifler“ zu, aber auch da gibt es Grenzen.

    Gruß Axel

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