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Gastartikel: Warum Du auf keinen Fall deine Mitte finden solltest.

Mein Name ist Axel Löwenstein. Ich bin 44 Jahre alt und lebe mit meiner Frau und meinem Hund in der Nähe von Hamburg. Ich habe mich für den Weg „Blogger ohne Blog“ entschieden. Mein Interesse gilt besonders den Themenbereichen Minimalismus und Nachhaltigkeit, weshalb ich hierzu regelmäßig Gastbeiträge verfasse.

Im heutigen Beitrag geht es aber eher um die Irrungen und Wirrungen im Dschungel der Persönlichkeitsentwicklung.

Indian monk sadhu

© Kadmy – Fotolia.com

Warum Du auf keinen Fall deine Mitte finden solltest.

Lebensfreude ist eine todernste Angelegenheit

Beim Stöbern in den zahlreichen Blogs, die sich mit der Persönlichkeitsentwicklung und ihren Derivaten befassen, stößt man sich nicht selten die Nase an den erhobenen Zeigefingern der Selbsthilfegurus, die dort das lasterhafte Verhalten ihrer Jünger anprangern.

Hierbei lächeln die Gurus verkrampft von einem gestellten Foto, dem man den Drahtseilakt zwischen Lockerheit und Seriosität deutlich ansieht. Kopf leicht zu Seite geneigt, den Blick leicht gesenkt und bitte recht freundlich. Man sieht den Bildern ebenfalls die stundenlangen Diskussionen mit dem Fotografen an, ob man nicht vielleicht doch das Sakko anbehalten soll. Und alle entscheiden sich dann am Ende dafür, aber bitte mit offener Knopfleiste und mit offenem Hemdkragen. Soll ja schließlich auch locker wirken, nur halt nicht zu locker. Ein Teufelskreis.

Mit der Wucht des Imperativs wird einem jetzt die digitale Botschaft um die Ohren gehauen. Du musst einfach nur machen, was ich sage und schon wird dein Leben reich und erfüllt sein. Hatte ich das e-Book erwähnt? Ein Schnäppchen, wenn man damit seine Leben tatsächlich neu ordnen kann.

Was mir dabei fehlt ist oft die nötige Lockerheit und eine charmante Portion Selbstironie. Hey, auch als Guru kann man Spaß haben im Leben.

Selbst ist der Mann

Es war Zeit für einen Selbstversuch. Ich finde meine Mitte, geh raus und verändere die Welt mal eben positiv. War der Tipp von einem dieser Gurus.

Den entscheidenden Ansatz lieferte mir  -wie so oft- mein spiritueller Führer und der einzige für mich noch real existierende Philosoph auf diesem Planeten:

„Das Problem ist nicht das Problem. Das Problem ist deine Einstellung zum Problem!“ (Captain Jack Sparrow)

Ich sitze also seit Stunden im Wohnzimmer und suche angestrengt meine Mitte, als meine Frau es nicht mehr ertragen kann. Sie kommt auf mich zu und piekt mich mit ihrem Zeigefinger ziemlich grob in den Bauch.

„Da“, ruft sie, „da ist deine Mitte und jetzt hör auf zu nerven!“

Oh, das war einfach. Meine Mitte befindet sich also ziemlich genau in der Mitte. Da muss man erst mal drauf kommen.

Hinaus in die Welt

Bewaffnet mit einem strahlenden Lächeln und meiner Mitte treibt mich mein Appetit in den nächsten Supermarkt. Vor der Tür steht ein Überbleibsel der 80er. Ich weiß gar nicht, wie man diese Leute heute politisch Korrekt nennt. Früher waren das Punks.

„Ey, hast Du mal nen Euro?“, schnorrt er mich an. Dabei mustert er mich nachdenklich und sagt: „Alter, was grinst Du denn so? Bist Du ein Psychopath oder so was?

„Nein nein, ich hab nur meine Mitte gefunden und gehe jetzt lächelnd durchs Leben!“, entgegne ich fröhlich.

„Scheiße Mitte. Psychopath hätte ich geiler gefunden“, lallt er.

Einen Euro später trennen sich unsere Wege wieder. Ich gehe lächelnd und er kopfschüttelnd.

Ich hätte es besser wissen müssen. Du kannst nicht einfach als Jedi-Ritter mit einem grenzdebilen Dauergrinsen durch den Todesstern schlendern und erwarten, dass dich keiner bemerkt. Da kannst Du auch direkt in ein veganes Restaurant gehen und an der mitgebrachten Kabanossi knabbern. Die finden bestimmt auch deine Mitte und schlagen kräftig rein.

Ich konnte aber jetzt nicht einfach aufgeben. Der Guru hatte ja gesagt, dass es nicht einfach wird, die Lösung für dieses Problem kommt aber erst im zweiten e-Book. War ja klar. Weiter lächeln und schön mittig bleiben.

Fleisch ist keine Lösung

Irgendwie macht mich Weltverbessern immer hungrig und ich hole mir zwei Frikadellen von der Theke mit den warmen Speisen. An der Kasse wirft die junge Frau vor mir einen kritischen Blick auf die heißen Fleischklumpen. Ich bemerke die „Vegetarisch Fit“ in ihrem Einkaufskorb und mir wird klar, dass jemand der die „Bravo für Fleischlose“ liest bestimmt kein Verständnis für meine Menüwahl zeigen wird.

Um ihr und mein Gewissen zu beruhigen, entschärfe ich die Situation gekonnt.

„Nicht das sie denken ich würde die Dinger essen“, lache ich übertrieben.

„Sondern?“, fragt sie ängstlich zurück.

„Äh ich, ich wärme mir nur die Hände daran. Ist aber auch kalt heute.“, heuchle ich.

Mit einer Mischung aus Abscheu und Verwirrung im Blick, hastet Fräulein Carnevale aus dem Laden. Die Kassiererin lächelt mich zwar an, aber ich meine da erste Anzeichen des Stockholm-Syndroms zu erkennen. An der Nachbarkasse steht ein kleiner Junge, der sich mit dem Zeigefinger lachend an die Stirn tippt. Mit dem anderen Zeigefinger deutet er auf mich.

Niemals aufgeben

Wenn man so weit hinten liegt, kann man nicht plötzlich seinen besten Schlagmann vom Platz nehmen, also lächle ich tapfer weiter und bezahle.

Auf dem Weg nach draußen begegne ich einer stolpernden älteren Dame, die ich nur mit einem beherzten Griff vor dem sichern Sturz retten kann. Trotz der vermeintlichen Gebrechlichkeit schwingt sie ihren Spazierstock schnell und präzise. Nur mit großer Mühe kann ich der nach Hilfe schreienden Greisin zunächst ausweichen. Doch dann trifft sie mich. Genau in die Mitte.

Als die herbeigeeilten Polizisten vor mir stehen, muss ich eine Entscheidung treffen. Auf welcher Seite stehst Du? Wirst Du dich dem System beugen, oder dem Schnäppchen-Ratgeber des Gurus folgen? Meine Fehlentscheidung führte mich direkt in den Streifenwagen.

Auf der Fahrt zu meiner Wohnanschrift hörte ich in Wortfetzen, dass sich die Polizisten über mich unterhielten. Irgendwie blieben mir nur die Worte „Freak“ und „Klinik“ im Gedächtnis. Als die Beamten meine Frau fragten, ob sie meine angegebenen  Personalien bestätigen könne, zögerte sie verdächtig lang.

In dem e-Book klang es aber doch alles so simpel mit der Mitte. Vielleicht sollte ich mir ein anderes Buch kaufen. Gurus gibt es ja genug. Vorerst bleib ich besser mittelos!

Aber eine Sache habe ich aus meinem Selbstversuch gelernt: Frikadellen schmecken auch kalt.

Danke Axel für den tollen Gastbeitrag. Ihr findet Axel auch auf Facebook: Bloglos Glücklich und hier seine WebSite

18 Kommentare

  1. Hallo Axel!

    Scheinbar brauche ich mich gar nicht zu bemühen um keinen Beitrag von Dir zu verpassen 😉

    Diesmal nicht so offensichtlich nachdenklich dafür mit sehr viel Humor, eine neue Seite, die Dir ziemlich gut steht!

    lg
    Maria

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