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Gastbeitrag: Minimalismus mit Selbstbeteiligung – Es gibt schlimmere Orte als die Welt

© www.pixabay.com

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Wie fange ich an?

Das Thema Minimalismus bewegt mich schon seit längerer Zeit und ich habe an anderer Stelle auch schon über meine schrittweise Annährung an dieses “Projekt” berichtet. Ich habe sehr viel zu diesem Themenkomplex gelesen und werde dabei regelmäßig mit einem schlechten Gewissen zurückgelassen. Habe ich doch zu viel Zeugs? Fördere ich mit meinem Konsumverhalten tatsächlich die Nachhaltigkeit? Wie finde ich jetzt einen sinnvollen Zugang zu dieser Thematik? Soll ich wirklich für ein E-Book bezahlen, dass mir erklärt, wie ich meinen Keller entrümple.

„Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.“ (Albert Schweitzer)

Lesen ist grundsätzlich gut, aber wenn man sich in Richtung Minimalismus entwickeln will, dann muss man auch handeln. Es geht also darum ein bestimmtes Bewusstsein zu entwickeln. Ich habe viele themenbezogene Dinge gelesen, die mich überrascht haben, Dinge die mich inspiriert haben, aber auch Dinge, die mich nachdenklich gemacht, ja sogar abgestoßen haben. Für mich gibt es nicht den einen Minimalismus. Ich lese z.B. keine Beiträge mehr in denen Menschen sich über die Zahl der Gegenstände definieren, die sie besitzen. Ich frage mich immer, wie sich jemand fühlt, der aufgrund von Armut seine Besitztümer an einer Hand abzählen kann, wenn er von dieser künstlichen Reduktion hört. Ich befürchte, dass das in seinen Ohren überheblich klingen könnte.

Wenn ich Anglizismen nicht so doof fände, würde ich jetzt vom richtigen Mindset sprechen

Ich habe mir vor Kurzem einen 28 Jahre alten Mercedes 260SE gekauft. Wenig minimalistisch denkt man zunächst. Ich gebe zu, dass mein ökologischer Fußabdruck dadurch kurzfristig auf die Größe Neufundlands angeschwollen ist. Bei näherer Betrachtung stellt man aber fest, dass dieses Fahrzeug zu Zeiten der Ölkrise gezielt entwickelt wurde, um in der automobilen Oberklasse den Begriff Sparsamkeit zu etablieren. Mit Erfolg. Für mich lebt dieser Geist in dem Fahrzeug weiter. Wenn ich mit 100 Km/h auf der rechten Spur dahingleite (Ja, ich bin das!) realisiere ich jetzt erst richtig, wie schnell und hektisch die Welt um mich herum geworden ist. In meinem antiken Stahlkoloss fühle ich mich dann wie ein unbeteiligter Zuschauer, der dieses emsige Treiben kopfschüttelnd – aber lächelnd – beobachtet. Und das fühlt sich für mich verdammt gut an. Manchmal sind die Dinge also erst auf den zweiten Blick minimalistisch. Hinschauen lohnt sich. Diese geile Karre einem Neukauf vorzuziehen, finde ich im Übrigen auch durchaus nachhaltig.

“Machen Sie bitte Platz, ich bin Minimalist”

Das Sendungsbewusstsein einiger Minimalisten finde ich ziemlich befremdlich. Besonders nachdenklich werde ich dann, wenn dieses sensible Thema zum Hype erklärt wird und ich für die Weisheiten des Verfassers zahlen soll. Ich gebe offen zu, dass ich mich kurzzeitig von diesem Trend habe verführen lassen. Ich schreibe humorvolle Kurzgeschichten rund um das Thema Hund mit einer erfreulich schnell wachsenden Fangemeinde. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich diese Geschichten monetarisieren kann und mich dabei am Rat verschiedener Marketer orientiert. Die zentrale Frage war: Wieviel Geld kann ich mit den Geschichten verdienen? Eine Freundin änderte diese Frage in einem Gespräch fast beiläufig in: Wieviel Gutes könntest Du mit diesen Geschichten tun? Diese einfache Frage führte dazu, dass ich aus meinen Geschichten ein E-Book erstelle, das dann kostenlos zum Download bereit stehen wird. Im Gegenzug bitte ich den Leser um eine kleine Spende für ein Tierschutzprojekt seiner Wahl. Dieser “Verzicht” fühlt sich großartig an. Besser als jedes prall gefüllte Konto es jemals könnte. Kaum hatte ich den Gedanken an rasante Buchverkäufe via Amazon aufgegeben, kamen Angebote aus dem Bereich der Printmedien auf mich zu. (Ja, es gibt noch eine analoge Welt da draußen.) Wieder keine Aussicht auf Reichtum, aber genug Geld, um damit meine Teilzeitbeschäftigung zu finanzieren.

Für mich bedeutet Minimalismus “Loslassen” zu lernen. Wenn Du etwas Gutes loslässt, kommt etwas Besseres dafür zurück!

 

11911747_298089363694608_785114089_nMein Name ist Axel Löwenstein. Als freier Autor schreibe ich humorvolle Kurzgeschichten. Darüber hinaus gibt es Themen, die mich sehr bewegen und zu denen ich auch gerne Stellung nehme. Minimalismus ist so ein Thema. Da es hier bei Michael mit sehr viel Hingabe und Respekt behandelt wird, ist das auch der geeignete Ort für einen Gastbeitrag.

11 Kommentare

  1. baumi

    kleiner tipp zum fahren auf der autobahn, ich fahre immer rechts mit ca. 90km/h passe mich der lkw geschwindigkeit an. hat den vorteil noch nen müh weniger zu verbrauchen, aber es erspart mir das nervige überholen. weil mit 100 bist du immer schneller als lkws, und immer langsamer als alles was hinter dir so angeflogen kommt.
    lustig auch, ich komme mir auch oft wie ein aussenstehender zuschauer vor, wenn ich sehe wie gerast und gedrängelt wird.
    dir allzeit gute fahrt und immer langsam 😉

    • Hallo Baumi!

      Guter Hinweis. Bisher habe ich immer ganz dekadent das Heckrollo hochgefahren, um distanzlose Menschen nicht auch noch sehen zu müssen. 😉

      Also dann: 90 ist das neue Vollgas!

      Gruß Axel

  2. Der Aspekt, wie sich wohl jemand fühlt, der aufgrund von Armut seine Gegenstände an einer Hand abzählen kann, beschäftigt mich auch immer wieder. Ich mache mir dann klar, dass Minimalismus auch etwas damit zutun hat, dass ich es mir überhaupt leisten kann, etwas zu minimalisieren. Das relativiert jedes „minimalistische Heldentum“. Überhaupt ist ja auch die Frage, ob ich minimalisieren will, weil mir die Dinge einfach zu viel sind oder will ich zusätzlich damit auch einfach auffallen, einem Trend nach gehen, im Mittelpunkt stehen, besser sein als andere….? Solche Zeitgenossen sind nicht unbedingt ein angenehmer Kontakt. Dagegen komme ich mir dann wie ein „Schluffi“ vor – irgendwie auch nicht schön. Und wenn es so ist, dass da eigentlich noch ganz andere Aspekte eine Rolle spielen, sollte ich mir zumindestens darüber klar sein. Auch das relativiert dann wieder einiges und „erdet“.

    • Hallo Gabi!

      Das nenne ich gerne „reflektierten Minimalismus“ und bin da ganz bei dir.

      Ich möchte diese Thema nicht instrumentalisieren, sondern für mich ist es eine persönliche Entwicklung, die ich mit fast kindlicher Neugier auf mich wirken lasse.

      Ich hoffe, dieser Ansatz ist zumindest einigermaßen nachvollziehbar! 😉

      Gruß Axel

  3. Ich stimme Dir zu, dass Minimalismus nicht über das Abzählen von Dingen definiert werden kann. Es ist vielmehr: ein Prozess, eine Denkweise und eine Lebenseinstellung.
    Ganz nebenbei ist der Minimalismus in seinem Wesen zutiefst christlich: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ Math. 6,25
    Mit großer Lust habe ich mir vergangenes Jahr einen 24 Jahre alten Audi 100 C4 gekaut, mit dem ich nun jeden Morgen vom Wohnort zum Bahnhof fahre. Bei Tempo 80 über die Bundesstraße sitze ich wie in einer „Sänfte“ und genieße die wunderschöne Natur ringsherum.

    Gruß
    Frank

    • Hallo Frank!

      Ich bin kein gläubiger Mensch, aber Minimalismus hat auch für mich tatsächlich etwas spirituelles. Wenn man jetzt eine Wissenschaft daraus macht, geht mir dabei der „Zen“ verloren, was sehr schade wäre.

      Natürlich soll man das Thema Minimalismus mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandeln, aber das kann auch durchaus Spaß machen. 😉

      Gruß Axel

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