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Gastbeitrag: So viel Zeit kostet Besitz

© Syda Productions - Fotolia.com

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Gegenstände kosten nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Aber wie viel Zeit genau? Ich habe versucht, das für ein paar Beispiele auszurechnen.

Beim Entrümpeln kommt mir immer seltener, aber doch hin und wieder der Gedanke: “Warum sollte ich das weggeben? Dieser Gegenstand stört mich doch jetzt nicht mehr.” Ist etwas bereits gekauft und bezahlt, fällt es schwer, sich wieder davon zu trennen. Das fühlt sich ein wenig nach Verschwendung an. Die Frage ist, ob mich die Dinge, die ich bereits besitze, noch weiter etwas kosten. Zeit zum Beispiel.

Als Beispiel ist mir zuerst eine Bluse eingefallen. Ich trage selten Blusen, doch letzte Woche ist meine Oma 80 geworden und so ein Anlass verlangt schon mal nach einer Bluse. Um diese Bluse zu kaufen, musste ich zunächst in das Geschäft fahren. Klamotten kaufe ich selten im Internet, ich probiere sie lieber an. Zur nächsten Stadt mit Einkaufsstraße sind es von mir aus 25 Minuten mit dem Auto. Inklusive Parkplatzsuche hat es ungefähr 30 Minuten gedauert, bis ich schließlich im Geschäft stand. Dann habe ich 20 Minuten gebraucht, um die richtige Bluse zu finden. Der Rückweg dauerte wieder 30 Minuten. Nun sollte man Kleidungsstücke, die direkt auf der Haut aufliegen, vor dem ersten Tragen waschen. Waschmaschine füllen, anschmeißen und die feuchten Klamotten danach aufhängen dauert 10 Minuten. Dann kommt die Tätigkeit, die der Grund dafür ist, dass ich selten Blusen trage: Das Bügeln. Ich kann es, aber ich hasse es. Für die Bluse brauche ich mit Auf- und Abbau des Bügelbretts ca. 10 Minuten. Würde ich diese Bluse alle zwei Wochen tragen, würde sie mich im Monat 40 Minuten kosten. Klar, ich möchte nicht nackt durch die Gegend laufen. Doch bei einem T-Shirt, das ich nicht bügeln muss, spare ich monatlich 20 Minuten Zeit. Und was kann man in 20 Minuten nicht alles machen?

Wie schnell werde ich den Gegenstand wieder los?

Nicht eingerechnet ist die Zeit, die ich dafür benötige, die Bluse wieder loszuwerden. Am schnellsten geht das noch, wenn ich zum nächsten Altkleidercontainer fahre. Dafür brauche ich etwa 15 Minuten. Aber ich bringe aussortierte Gegenstände lieber in Sozialkaufhäuser, und das kostet mich mit Fahrt eine Stunde.

Ein weiteres Beispiel für einen Gegenstand, der noch nach dem Kauf verdammt viel Arbeit macht, ist unsere Schneidemaschine. Ein Kasten, mit dem man schnell Lebensmittel zerkleinern kann. Mein Freund hat das Ding vor ein paar Jahren gekauft und wir haben es schon oft benutzt. Doch meistens greife ich lieber zum altbewährten Küchenmesser. Denn allein für das Zusammenbauen brauche ich drei Minuten, um es auseinander zu bauen und in der Spülmaschine zu verstauen noch einmal 2 Minuten. Sind alle Teile sauber, muss ich sie wieder zusammensetzen und wegräumen. Wieder 3 Minuten. Macht jedes Mal insgesamt 8 Minuten. Sagen wir, ich benutze die Schneidemaschine einmal in der Woche, sind das 32 Minuten im Monat und 384 Minuten oder 6,4 Stunden im Jahr.

Die meiste Zeit geht jedoch für den Kauf eines Gegenstandes drauf. Und dafür, ihn später wieder loszuwerden. Deshalb finde ich es sinnvoll, etwas gar nicht erst zu kaufen.

Ein gutes Beispiel sind Handys. Meins hat sich jetzt nach fast vier Jahren Nutzung in den Ruhestand verabschiedet, weshalb ich gezwungen war, es zu ersetzen. Natürlich, ich  hätte es auch einfach weglassen können, aber dafür bin ich auch beruflich zu sehr darauf angewiesen. Also musste Ersatz her. Schon nach ein paar Minuten Recherche wusste ich, dass ich nichts wusste. Vor allem nicht, für welches Gerät ich mich entscheiden sollte. Glücklicherweise hat mein Freund mehr Ahnung davon und dieses Speicherplatz-Vergleichen macht ihm auch noch Spaß. Also habe ich auf seine Vorauswahl vertraut und das Gerät bestellt, was ungefähr 20 Minuten gedauert hat. Allerdings benötigt das neue Smartphone eine kleinere Sim-Karte, die ich ebenfalls neu bestellen musste: Macht  weitere 20 Minuten (musste erst noch das Passwort erneuern) und 25 Euro. Beides kam nach ungefähr einer Woche an. Mein Freund hat sich erbarmt, mir das neue Handy einzurichten. Er hat dafür zwei Stunden gebraucht, bei mir hätte es sicher einen ganzen Tag gedauert. Die Zeit, die ich mit sinnlosem Surfen verschwenden werde, möchte ich gar nicht mitrechnen. Ich hoffe, dass ich jetzt wieder mindestens vier Jahre meine Ruhe habe.

Der Gegenstand, der am meisten Zeit kostet, ist allerdings das Auto. Allein beim Kauf: Ich kenne Menschen, die monatelang Modelle vergleichen und sich Autos anschauen, bis sie endlich zu einer Entscheidung kommen. Es kann sein, dass der Traumwagen am anderen Ende Deutschlands abgeholt werden muss. Die An- bzw. Ummeldung kostet Wartezeit und Nerven, dann will so ein Auto regelmäßig getankt, gewaschen, gewartet und repariert werden. Ich habe mal versucht, eine grobe Rechnung dazu aufzustellen:

Recherche und Kauf (inklusive Besichtigungen und Anfahrt): 20 Stunden (nett geschätzt)

Anmelden mit Wartezeit: 1-2 Stunden (kommt drauf an, wie voll das Wartezimmer und wie langsam die Behörde ist)

Pflege: Alle 3 Monate Waschanlage (20 Minuten mit Anfahrt), Innenraum saugen 10 Minuten, Innenraum putzen 20 Minuten

Technische Durchsicht 1 Mal im Jahr: Anfahrt zur Werkstatt, Wartezeit, Abholen 60 Minuten insgesamt

Reifenwechsel 2 Mal im Jahr: Anfahrt, Wartezeit, Abholen 60 Minuten insgesamt

Reparatur: Schwer zu kalkulieren, vor allem ärgerlich

Scheiben kratzen im Winter: 5 Minuten/Tag

Was Gegenstände wirklich kosten, lässt sich also nur schwer kalkulieren. Wir bezahlen Geld  immer mit einem Teil unserer Lebenszeit (dieser Tausch nennt sich Arbeit), um uns Dinge kaufen zu können, die wieder unsere Zeit fordern. Um wenig Besitz muss man sich auch nur wenig kümmern. Auf Konsum zu verzichten, bedeutet somit, dass du echte, wertvolle Lebenszeit sparst. Und die ist das Einzige, von dem du niemals mehr bekommen kannst.

Gastbeitrag von Pia Mester.  Sie schreibt auf Malmini.de über Minimalismus als Lebensstil.

Danke Pia!

11 Kommentare

  1. Ulli

    Grundsätzlich alles richtig. Aber, es gibt Leute die gerne Zeit zumindest für Recherche und Einkauf investieren, weil sie dabei Spaß habe und Befriedigung empfinden.
    Klar, die haben noch nicht die befreiende Wirkung des Minimalismus erkannt. 😉

  2. Steffi

    Ich habe mir das recherchieren zur Pflicht gemacht. Wenn ich etwas neues kaufen möchte, setze ich mich bewusst mit dem Produkt auseinander, um eine gute Entscheidung zu treffen. Das beinhaltet, dass ich mir Herkunft und Produktion anschaue und vor allem auf die Qualität achte. Ich konsumiere dadurch einfach weniger, denn Spontankäufe gibt’s bei mir nicht und gute Produkte gehen seltener kaputt.

    Gleichzeitig versuche ich mir bewusst zu machen, dass ich nach dem Kauf auch eine Verantwortung für das Produkt habe, d.h. dass diese Produkte Wartung und Pflege (wie in deinem Beispiel das Auto) bedürfen. Hier kann ich dann abwägen, ob ich Zeit in das Produkt investieren möchte, um die Lebenszeit zu verlängern (ein guter Lederschuh muss gepflegt werden) oder ob mir das zu viel ist und ich deshalb auf den Konsum verzichte (ich habe meinen VW Bus verkauft, weil er mir irgendwann viel zu aufwendig wurde).

    Gerade weil ich aber die Zeit meiner Recherche und anschließender Pflege mit in das Produkt hereinrechne, weiß ich diese viel eher zu schätzen.

    • Ralf

      Eine schöne Eigenschaft, das “dem Produkt nachspüren” und recherchieren. Kannte nur einen in meinem Leben, der “ohne hinzusehen” einfach zugreifen konnte und es paßte einfach alles. Dieses Händchen besitze ich nicht, so daß ich es ähnlich halte mit dem Neukauf von Produkten. Im Laufe der Zeit fallen auch viele Artikel einfach wieder raus, weil sie sich zwischenzeitlich erledigt haben oder andere Prioritäten gesetzt werden. lg

  3. Beim Auto kann man die Innenpflege einfach auch regelmäßig weglassen, machen wir seid drei Jahren ;o)
    Nein, schön ist es nicht, denke momentan regelmäßig: Du musst mal staubwischen und saugen, aber dazu habe ich keine Lust. Immerhin haben wir von deinen geschätzten 20 Stunden Autokauf, nur ca. 3 benötigt. Aber wir hatten uns vorher schon für eine Marke und ein Modell entschieden und hatten Glück, dass wir dies als Jahreswagen bekommen haben. Die Probefahrt haben wir nur aus Spaß an der Freude gemacht.

    Ich finde vor allem wieder interessant zu merken, wie anstrengend und zeitaufwändig das Loswerden sein kann. Gerade, wenn man so wie ich gerade, nochmal richtig viel auf einmal ausmistet und die Sachen nicht einfach in den Müll werfen will.

  4. Bei der Autoaufstellung musste ich sehr schmunzeln, denn ich erinnere mich noch gut daran wie ich früher fast jede Woche das Auto meiner Mutter durch die Waschanlage gefahren habe… Und überlege, wie viel Zeit für die Autopflege wohl schon bei meiner sehr autoaffinen Familie draufgegangen ist.
    Mein Mann und ich haben unser Auto vor 3 Jahren verkauft, eigentlich, um uns ein neues zu kaufen und weil die alte Luxusschleuder uns einfach zu viel Geld kostete. Wo ich zuvor der Meinung war, ich könnte allein schon im Beruf absolut nicht ohne auskommen, hatte ich plötzlich überhaupt keinen Bock mehr drauf, auch weil ich mich nicht entscheiden konnte, welches “umweltfreundliche” Modell es werden sollte. Ich kaufte mir eine Bahncard50, genieße die gewonnene Zeit, weil ich während der langen Zugfahrten arbeiten und/oder entspannen kann und schicke mein Arbeitsmaterial einfach per Postpaket voraus, wenn ich es nicht im Zug transportieren kann.
    Das verkaufte Auto kostet uns also weniger Zeit und vor allem sind Fixkosten von 2500-3000 Euro pro Jahr weggefallen, die durch Versicherung, Steuer, Reparaturen, Garagenmiete und Wertverlust entstanden sind! Ich liebe es!!

  5. Hallo Pia und Michael,

    Recherche ist mir schon wichtig. Wenn mir die Zeit für die Recherche zu schade ist, ist mir das ein deutliches Zeichen, dass mir eine Sache gar nicht so viel Mehrwert bereiten kann, als dass es es wert wäre, sie zu besitzen.

    Liebe Grüße,
    Philipp

  6. Tobias

    Sollange ich Dinge gerne mache, denke ich über Zeit nicht nach.
    Sobald etw. allerdings lästig wird muss Optimierung her, dafür nutze ich gerne Technologie oder Dienstleister, was eben mehr Sinn macht.

  7. Martin

    Interessantes Rechenbeispiel. Aber für die meisten Autobesitzer ist dies keine Arbeitszeit, sondern Freude. So wie sich andere an der leeren Wohnung oder am Nichtstun freuen. Minimalismus benötigt auch sehr viel Zeit: Ausmisten braucht Stunden, überlegen was ich alles nicht brauche benötigt Zeit, über den Sinn des Lebens nachdenken braucht Zeit (besser wäre aber über den Unsinn des Nichtlebens nachzudenken oder wirklich das Leben zu geniessen), alternative Einkaufsmöglichkeiten (für plastikfreien Einkauf, natürlichen Einkauf usw.) suchen braucht Zeit – viel sogar. Und Zeit haben wir. Noch nie, seit es Menschen gibt, hatten wir so viel freie Zeit und so viel Geld zur Verfügung.
    Ich nehme es heute lockerer. Manchmal habe ich Lust meine Zeit fürs Recherchieren und meine Dinge aufzuwenden und manchmal nicht. Und wenn ich nachdenke wie viel Leid und Schmerz Religion und Bekehrungswille in der Welt verursacht rufe ich laut in die Welt hinein. Lasst es! Bekehrt niemanden, Jeder lebe nach seiner Façon.

  8. Es ist wirklich erschreckend, wie viel Zeit manche Dinge kosten. Mittlerweile stelle ich mir häufig die Frage: “Ist mir der Nutzen dieses Gegenstands seinen Zeitaufwand wert?” Man ahnt es schon: In den meisten Fällen lautet die Antwort: “Nein”.
    Dennoch sehe ich natürlich auch die andere Seite der Medallie. Denn was wäre die Welt, wenn alles nur nach seinem Nutzen bewertet werden würde? Mit vielem beschäftige ich mich auch einfach gerne, obwohl ich abgesehen vom Spaß vielleicht keinen direkten Nutzen daraus ziehen kann. Letzten Endes ist es doch schön, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Zeit mit so vielen unterschiedlichen und spannenden Dingen zu verbringen. Wofür man seine Zeit, die “Währung des Lebens”, dann ausgibt, muss jeder selbst entscheiden.

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