Gastbeitrag: Wir sollten Maximalisten sein

happy family
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Wir haben uns mit unserem vergangenen Konsum an den ungünstigsten Ausgangspunkt manövriert: Einen Startpunkt mit Überfluss und unheimlich viel Zeug. Dann haben wir angefangen die Kleiderhaken umzudrehen, unliebsame Bekanntschaften aussortiert und in minutiöser Selektion eine CD nach der anderen wegminimalisiert. Wir haben gelernt, mit dem Trennungsschmerz umzugehen, den Verzicht zu lieben und das einfache Leben zu schätzen. Wir haben einen Ausgabenstopp ausgerufen, eine Konsumauszeit genommen … und sind danach wieder in die alten Kaufmuster zurückgefallen. Mit dem Unterschied, dass wir jetzt nachhaltig kaufen, regional, minimalistisch, plastik- und fleischfrei. So dass die nächste Runde des Aussortierens noch schwieriger wird, denn wir haben uns jetzt mit wohl überlegten, ganz bewusst gekauften Produkten umgeben. Die kloppt man nicht einfach in die Tonne. Von diesem Startpunkt aus quälen wir uns zum Ziel hin, von dem wir oft nicht einmal genau wissen, wie es aussieht. Nur irgendwie weniger.

Dabei ist dieser Minimalismus, ausgehend vom Überfluss, nur Materialismus mit umgekehrtem Vorzeichen, so wie das Schweigen eine Form von Kommunikation ist. Wir beschäftigen uns beim Aussortieren genau so intensiv mit Dingen, nur dass wir weniger statt mehr davon wollen. Wir lassen weiter zu, dass die Dinge unser Leben und unser Denken beherrschen, ob wir nun aussortieren oder ansammeln. Der Unterschied ist marginal. Statt Konsumterror dominiert kompetitive Asketenästhetik. Wir können nichts unbegründet lassen, wir können nicht einfach loslassen und genießen, können nicht einfach sein. Unsere kulturelle Programmierung lautet: Ohne Fleiß kein Preis. Also zählen und reduzieren wir, unterwerfen uns Challenges und subtrahieren so mühselig Stück für Stück vom Vorhandenen.

Steht da eine Philosophie dahinter wie bei Thoreau, eine Annäherung an Gott, wie bei schlicht lebenden Mönchen, oder was bezwecken wir mit dem Minimalisieren? Die Hoffnung auf ein besseres Leben? Unser Leben findet nicht irgendwann in ferner Zukunft statt, sondern heute. Hoffnung auf ein besseres zukünftiges Leben ist Verschwendung kostbarer Lebenszeit.

Schluss damit! Es wird Zeit, dass wir anfangen, zu addieren statt nur zu subtrahieren. Dass wir uns überlegen, was wir in unserem Leben haben wollen, nicht, was wir nicht haben wollen. Wie unser Leben aussehen soll, nicht, auf was wir noch verzichten könnten. Wir sollten die Perspektive wechseln. Uns nicht mehr darauf konzentrieren, was wir haben und loswerden wollen, sondern darauf, was wir tatsächlich brauchen. Von Null anfangen und alles in unser neues Leben packen, was wir zum glücklich sein brauchen. Nur das, aber das alles.

Wir sollten Maximalisten sein: Ein Leben anstreben, dass maximal angefüllt ist mit Abenteuern, Glücksmomenten, Aufregung, Spaß, Liebe und ganz viel *HACH-ist-das-Leben-schön*. Wir sollten ein erfülltes Leben anstreben, auf das wir mit Stolz und Freude zurückblicken können, ein Leben, dass wir MAXIMAL erlebt haben und in dem wir auf nichts verzichtet haben, was uns wichtig ist. Materialismus war gestern. Her mit dem schlichten aber wilden, dem einfachen aber wertvollen Leben als Maximalist.

10522905_925163784163417_3720430630602475151_nSandra bloggt auf It´s your Life über Ideen zum Leben.  Wie kann man  glücklich leben? Itsyour.life bietet dazu Gedanken an: Mal philosophisch, mal praktisch geht es um Ideen zum Leben – weil jeder Tag zählt!

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  1. Ich, ich, ich

  2. Miss Coolblue

    Hallo!

    Erst dachte ich beim Lesen des erten Teis JA!… aufhören mit den Vergleichen unter Minimalisten, aufhören mit der extremen Askese.
    Ich selber werde noch einiges an Kleinkram rausschmeißen und dann ist mein Punkt erreicht. Aber der Schluss macht mich nachdenklich. Sollte es nicht parallel verlaufen. Natürlich sollten wir nicht aussortieren und minimalisieren als einziges großes Hobby haben. Sollten wir den Rest der nicht mit Dingen verbringen, die Spaß machen und vorallem mit Leuten Ereignisse teilen. Vielleicht wird einfach nur nicht drüber geschrieben, weil es privat ist und Blogger ein Stück weit anonym bleiben wollen.

    nachdenkliche Grüße
    Miss Coolblue

    • Hallo Miss Coolblue,

      Du sprichst einen sehr wichtigen Punkt an – was machen wir mit dem Rest der Zeit, wenn wir sie eben nicht mit Dingen verbringen? Natürlich ist das auch zum großen Teil privat, aber das Hauptproblem ist: Es ist zuerst unglaublich beschämend, wenn man alles aussortiert hat und dann plötzlich vor seinem eigenem Leben steht und nichts mit ihm anzufangen weiß. Weil wir bisher ja immer beschäftigt waren und unterhalten wurden. Dann trifft es uns plötzlich wie ein Schlag: Da ist nichts! Kein überflüssiger Krempel. Nichts, was aufzuräumen, zu putzen oder Warten wäre. Keine hektischen Abendveranstaltungen mit Leuten, die wir nicht einmal kennen (wollen), kein liegengebliebener Papierkram, den wir eigentlich längst schon mal hätten erledigen sollen. Nichts. Nur wir und unser Leben.

      Und nun? Wir hatten erwartet, dass sich unser Leben nun füllt mit seelenverwandten Beziehungen, mit Leidenschaften, die in uns schlummerten, mit sprühender Kreativität und einer tiefen weltumfassenden Liebe. Ja Pustekuchen, nix is. Nada. Niente. Woher auch?

      Wir hatten uns das so vorgestellt wie die Restaurierung eines verschütteten Bodenmosaikes in Herculaneum: Erst baggern wir die tonnenschweren Schlackenbrocken weg, dann schaufeln wir Steine, und ganz zum Schluss pinseln und pusten wir die letzten Staubkörnchen weg – und ein überwältigendes Meisterwerk erstrahlt in der gleißenden Sonne vor unseren Augen!

      Was wir finden, ist ein schlichter, glatter und sauberer Boden. Gähn. Bo-ring!
      Spätestens jetzt müssen wir anfangen, unser Leben neu zu denken. Jetzt ist die Zeit gekommen, zu maximalisieren. 😉

      Herzliche Grüße, Sandra

  3. Diese alte Frage nach dem richtigen Maß, die höre ich hier raus. Wie viel ist genug? Wie viel ist zuviel? Wie wenig ist zu wenig? Ist gar nicht das Ziel? Oder alles? Muss jeder sein eigenes Maß finden? Die Formel für das richtige Maß, gibt es sowas? Du sprichst von maximal Leben, aber was genau bedeutet das? Maximal viele Erlebnisse? Oder maximal auskosten vom Augenblick? Der Artikel hinterlässt bei mir eine Menge Fragen. Aber solche Beiträge sind mir manchmal lieber als solche, die mich mit vermeintlichen einfachen Antworten überschütten. In diesem Sinne: Danke.
    Gruß Marco

    • Hallo Marco,

      ich freue mich sehr über Deinen Kommentar. Zum Nachdenken anregen … das mache ich am liebsten 🙂

      Und diese große Frage nach dem GENUG beschäftigt mich auch schon lange. Wie die meisten habe auch ich keine Ahnung, was „genug“ ist, und meide daher oft die Auseinandersetzung damit. Deshalb orientieren wir uns an den Idealbildern, die uns gezeigt werden. Idealbilder, die mit unserem Alltag nichts zu tun haben. Idealbilder, die oft genug schlicht gefälscht sind. Dadurch sind wir schnell enttäuscht, werfen uns selbst Unzulänglichkeit und Disziplinlosigkeit vor und – suchen uns ein neues Ziel. Denn es ist leichter, sich ein neues Ziel zu suchen als ein gewähltes Ziel konsequent umzusetzen.

      Aber damit ist jetzt Schluss für mich. Ich orientiere mich nur noch an meinen eigenen Ansprüchen und wenn ich abends im Bett liege und denke: „Das war ein schöner Tag!“, dann weiß ich, dass ich „maximal“ gelebt habe.

      Herzliche Grüße, Sandra

  4. Super Beitrag. Ich sehe es ebf. so, dass Minimalismus immer noch sehr materiell sein kann. Statt „immer mehr“ geht es dann um „möglichst wenig“. Interessant wird es ja, was dann darüber hinaus geht. Ich sehe für mich beispielsweise viele Verbindungen zur Postwachstumsökonomie. Auch die Frage, was Lebensqualität eigentlich ausmacht. Ich genieße einzelne Dinge z.B. intensiver, sie sind wertvoller für mich geworden (nicht finanziell gesehen). Auch finde ich es sehr befreiend, mich mit diesem ganzen Konsum-Einkaufs-Stress nicht befassen zu müssen. Und ich lehne mich inzwischen entspannt zurück, wenn aus dem Urlaub zurück kehrende KollegInnen mit dem Jetlag kämpfen, sich mit Häuserkauf abquälen, kein Stückchen Schokolade stehen lassen können, etc.

    • Hallo Gabi,

      vielen Dank! Genau darauf wollte ich hinaus: Was macht Lebensqualität für mich aus? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich denke, Epikur hat Recht, wenn er sagt, dass das Glück, welches sich einstellt, wenn man keine körperlichen Schmerzen und einen friedlichen Geist hat, nicht mehr zu steigern ist, sondern nur noch variiert werden kann. Besser als alles gut (und das meine ich mit „maximal“) geht nicht, aber auf andere Weise gut, das geht immer.

      Herzliche Grüße, Sandra

  5. Schöner Beitrag. Besonders den ersten Teil finde ich sehr passend. Teilweise kommt mir der Minimalismus wie er oft beschrieben wird schon schizophren vor. Auf der einen Seite das Loslassenwollen, man trennt sich von vielen unnötigen Dingen und fängt dann an Tage damit zu verbringen die perfekte Zahnbürste, Haarwaschseife oder den aus nachwachsendem fair gehandelten Alu hangeklöppelten, plastikfreien Wasserkocher mit Solarantrieb zu finden.
    Man will sich einerseits frei machen von Materiellen und verwendet dann unendlich viel Zeit auf die Auswahl der passenden Produkte, die man noch nutzen will.
    Das Ganze gleicht in der Tat oft mehr einer Challage, als einem einfachem und Zufriedenen Leben. Immer auf der Suche was man noch alles verändern kann. Dabei geht es wie ich hier Lese oft nur um den Austausch vorhandener Produkte gegen neue. Ist das Minimalistisch, wenn ich jetzt die von Oma geerbten Tupperpötte gegen Plastikfreie austausche?
    Manchmal denke ich alte Menschen, gerade aus der Kriegsgeneration sind doch die besseren Minimalisten. Wenn ich mir meine Oma so angucke: Kauft so gut wie nichts, nutzt ihren Kram schon ewig und ist zufrieden und glücklich wie es ist. Sie würde wohl nie auf die Idee kommen Zeit darauf zu verwenden darüber nachzugrübeln, ob sie mit einer Kaffetasse im Schrank weniger auch auskommen würde.

    • Hallo Chris,

      vielen Dank – und das Kompliment gebe ich auch gleich an Dich weiter. Ich kann Dir nur absolut zustimmen.

      Herzliche Grüße, Sandra

  6. Michael Groeneveld

    Hallo Zusammen,
    habe beim wandern durchs WEB hier den Artikel und die Kommentare gelesen und meine Gedanken begannen ihr „Eigenleben“.

    Im Kern möchte ich nur zwei Sätze hinzufügen.

    Ein zufriedener, in sich ruhender und die Dinge wertfrei betrachtender Mensch wird immer glücklich sein .
    Egal ob er von 20 CD’s 19 verschenkt.

    Ein von der „Sinnsuche“ getriebener Mensch wird auch mit der einen CD nicht zur Ruhe kommen.

    Vielen Dank für solche sehr wichtigen Blogs!

    Michael (nicht der Blog Initiator)

  7. Und schon ist es passiert … eigentlich lese ich im Netz nicht viele Artikel, da ich beruflich eh schon so viel Zeit online verbringe.
    Dieser hier hat mich aber mit seiner Überschrift neugierig gemacht.

    Wieso?
    Weil mir das Wort Minimalismus inzwischen zum Hals raushängt. Es ist genauso ausgelutscht wie „Komfortzone“ oder „sein Leben rocken“.

    In den letzten Monaten wird so viel über Minimalismus geschrieben: Wo man hier sparen und dort entrümpeln kann.

    Vieles von dem ist bestimmt richtig, aber oft erzeugt es bei mir den Beigeschmack von totaler Einschränkung und ständiger Enthaltsamkeit.
    Beim Bäcker mehr Geld für selbstgemachtes Brot zu bezahlen, ist verwerflich, weil man es im Discounter doch viel günstiger bekommt.

    Will ich so leben?
    Nein, auf keinen Fall. Ich möchte mein Geld für Dinge ausgeben, die es mir Wert sind.
    Gleichzeitig brauche ich nicht viel an Materiellem, weil es mein Lebensstil gar nicht zulässt (wir leben in einem Oldtimerbus in Spanien).

    Als wir in den Bus gezogen sind, haben wir uns genau diese Frage gestellt: Was wollen wir alles dabei haben und was brauchen wir wirklich?

    Sehe ich mich als Minimalistin, weil ich auf ca. 10m² wohne?
    Nein, überhaupt nicht.
    Maximalistin trifft es viel eher, denn mein Leben ist voll von dem, was ich gerne mag und gerne tue.

    Muchas gracias f ür diesen inspirierenden Beitrag 🙂
    Nima

    • Hola Nima,

      ich denke, dass die Beschäftigung mit dem Minimalismus bzw. das tatsächliche Reduzieren ein Vehikel sein kann, um das eigene Leben zu ändern. Ein Anstoß, das Leben neu zu denken. Minimalismus verkörpert keinen Wert an sich, ist aber hilfreich, um Freiraum zu schaffen, sowohl tatsächlich, also in der Wohnung, als auch mental, also im Kopf. Die eigentliche (Denk-)Arbeit beginnt aber spätestens nach dem Aussortieren. Und dann, meine ich, genau wie Du, sollten wir maximalistisch denken. <3

      Herzliche Grüße, Sandra

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