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Glück aus sich selbst heraus entwickeln

© Sergey Nivens - Fotolia.com

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Viele neue Leser fragen sich am Anfang immer, was den Kern des Minimalismus darstellt. Für mich ist es völlig klar, das nicht der Konsumverzicht, das Hinterfragen von Gegenständen oder das aktive Lösen von vorhandenen Konsumgütern das letzte Ziel an sich darstellt, sondern das gelebter Minimalismus auch ein praktischer Weg ist, um Glück aus sich selbst heraus zu entwickeln.

In der heutigen Zeit gibt es so viele Ratgeber, die für sich in Anspruch nehmen, den Heiligen Gral für mehr Glück und ein zufriedenes Leben gefunden zu haben, aber es gibt bekanntlich nicht nur den einen Weg nach Rom, sondern viele. 
Ich möchte nicht sagen, dass Minimalismus einen neuen Weg darstellt, aber in letzter Zeit merke ich, dass dieser Ansatz vielen Menschen sehr gut tut und Ihr Leben nachhaltig positiv beeinflusst. Wenn wir uns von äußeren Dingen lösen, wenden wir uns irgendwann, ganz automatisch, dem Inneren zu. Wir können es durch diesen Weg schaffen unsere wirklichen Wünsche und Träume, zu entdecken und ihnen genug Raum geben, das diese auch Wirklichkeit werden können.

Dass sich in den letzten Jahren viele West Europäer dem Zen und Buddhismus zuwenden, ist für mich ein klarer Zeichen, dass in unsere gelebten Kultur und Religion für viele Menschen etwas fehlt.
Für mich ist dieses verhalten aber auch ein Stück weit ein Fluchtreflex. Warum soll man eine Suche so weit entfernt beginnen, wenn alles schon da ist und in einem Selbst vorhanden?
Erich Fromm sagt an einer Stelle, dass die Veränderung eines Menschen Kraft und Zeit kostet, diese Ehrlichkeit suchen wir in Ratgeberliteratur vergeblich. Wir haben unsere aktuellen Gewohnheiten auch nicht in den letzten 10 Tagen erworben, sondern es brauchte Jahre und Jahrzehnte bis wir zu dem Mensch geworden sind, der wir heute sind.
Deswegen sollten wir auch nicht versuchen von heute auf morgen alles Ändern zu wollen, sondern uns täglich mit uns selbst beschäftigen und kleine Fortschritte machen.

Man kann zwar an einem Wochenende den äußeren Minimalismus durch eine Aufräumaktion herstellen, der innere Teil wird länger brauchen.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen dazu. Welche großen Vorzüge stecken für euch noch in Minimalismus und welches sind eure Beweggründe diesen Weg zu gehen.

8 Kommentare

  1. Tobias

    Für mich liegt der große Vorteil in der Einfachheit und Zeitgewinnung. Jeder Gegenstand kostet Geld, Zeit und Nerven. Diese freie Zeit kann ich für mich und die wichtigen Dinge in meinem Leben nutzen.

    Einige Beispiele:

    1)
    In meiner Wohnung hatte ich bis zum letzten Wochenende einen einzigen Teppich. Dafür einen Staubsauger. Neulich gingen mir die Staubsaugerbeutel aus und ich musste wohl oder übel neue kaufen. Preislich nicht die Welt, knapp 10 Euro. Was habe ich aber gemacht? Teppich und Staubsauger weggestellt, die werden nun verkauft. Keine Zeit und kein Geld für die Beutel verschwendet. Ich kehre den Laminat. Worin liegen die Vorteile? Ich muss mich nichtmehr um einen Staubsauger + Zubehör kümmern und spare sogar noch Geld.

    2)
    Ich strebe eine Zeit ohne Auto an, obwohl ich auf dem Land in einer kleineren Stadt wohne.
    Zur Arbeit laufe ich 15min, zum Bahnhof sind es 8min und zum Supermarkt 5min.
    Ich komme dann zwar nichtmehr sofort, schnellstmöglich überall hin, aber muss ich das? Und für welchen Preis? Erschreckend waren für mich die echten Autokosten und der umgerechnete Kilometerpreis, der schnell bei 50 Cent liegt. Meine zukünftigen kosten für die Bahn werden zwischen 50 und 100 Euro liegen. Somit spare ich an die 300 Euro im Monat ein und muss mich um nichts kümmern. Keine Werkstattrechnung, kein Aufregen an der Tankstelle, kein Stau. Ich nehme zu Fuß oder mit dem Rad meine Umwelt endlich wahr und im Zug kann ich lesen.

    3)
    Handyflat ins Internet und in die Netze, Festnetzflat + Internetflat, HD-TV. Wofür?
    Ich arbeite 7 Stunden täglich in einem Büro mit Internetanschluss. Bei 50min täglicher Pausenzeit kann ich alles erdenkliche nachschlagen. Und warum stundenlang telefonieren wenn man die Leute auch treffen kann? Also Festnetz komplett gekündigt und die Netzflats fürs Handy auch. Nur einen Datentarif fürs Handy will ich aktuell nicht missen, da ich unterwegs gerne auf die Bahnapp, Googlemaps und diverse Nachrichten zugreifen möchte. Monatliche Ersparnis um die 60 Euro. Mehr Zeit für Freunde, Familie und mich selbst.
    Nebenbei habe ich meinen TV verkauft, läuft sowieso meistens nur Müll und ich erwische mich beim dauerhaften Umherschalten der Kanäle.

    Was mache ich mit dem ganzen Geld? Habe jetzt schließlich jährlich über 4000 Euro Ersparnis. Entweder einen Monat unbezahlten Urlaub, oder generell runter von der Vollzeit auf beispielsweise 80%. Dies ist mein nächster Schritt.

  2. Minimalismus ist für mich auch Vereinfachung. Indirekt brachte mich die sog. Finanzkrise zu dem Thema.
    Die sog. Derivate bei Finanzprodukten basieren auf klassischen Aktien, Anleihen, Immobilien. Derivate braucht kein Mensch. Sie sind lediglich “Glücksspiel-Produkte” der Finanzwirtschaft.
    Mir fiel dabei auf, dass es eben auch in fast allen Lebensbereichen Derivate gibt. Beispiel: einerseits genügt zum Essen eine Schale und wer nicht mit der Hand essen möchte noch ein Löffel. Andereseits gibt es Essgeschirr und Bestecke für jeden Gang oder Speise. Oder:
    gibt mir jemand eine Antwort auf eine Frage, kann ich mir überlegen, ob diese Antwort wahr ist oder eine Ausrede. Ich kann aber auch die Antwort wörtlich nehmen und mir beispielsweise das Hinterfragen (Derivate) schenken und damit auch gelassener leben.
    Ich habe den Schrank voller “Kleidungsderivaten” (bin verheiratet :-)). Wirklich benutzen tue ich nur zwei Jeans, ein paar Polohemden und T-Shirts. ein- zweimal im Jahr eine Stoffhose und einen Blazer.
    Jetzt ist Urlaubszeit. In den Reisebüros gibt es jede Menge “Reisederivate”. Was will/ brauche ich wirklich im Urlaub?

  3. @Tobias
    Ich hab überlegt, ob ich den Laminat nur noch wische statt zu saugen. Wegen Feinstauballergie. Die Arbeit ist leiser, meditativer und das Ergebnis langanhaltender.
    Kein Auto zu haben finde ich DIE große Freiheit. Ich bin immer im Gespräch mit Leuten. Sonst hätte ich zu wenig Bewegung. Das eine Links und das Andere. Ich wäre nur eine Gefahr für Alle!

    Ich erlebe immer mehr Momente, auch mit Anderen, die einzig und schön sind. Die nicht mit Materiellem verknüpft sind. Intensiver im letzten halben Jahr, seit ich seeeehr reduziert hab. 80 % der Sachen benutzt man nicht. Warum sollen sie dann hier rumstehen? Einer der besten Sätze seit ich entMISTE war: “Man besitzt heute soviel Papier, wie man nicht mehr verbrauchen kann.” Die 1000 Fehldrucke Logopapier darf ich behalten. Wie “erfreulich”.

    Ich erlebe Maximalisten oft als zugemüllt und belastet. Machen zu viel und nix richtig. Sind so entfernt von sich und was sie wirklich wollen.

  4. Miss Coolblue

    Also ich finde es nicht so gut pauschal zu behaupten “Maximalisten” seien zugemüllt und belastet etc. Wo fängt Maximalismus an und wo hört er auf? Es gibt bestimmt Menschen, die im Minimalismus Einschränkungen und Verzicht sehen und das nicht auf die positive Weise wie Minimalisten das tuen. Diese Menschen würden durch so ein Lebenskonzept nicht glücklicher. Aber zu behaupten sie seine wahrscheinlich unzufriedener und unglücklicher, weil man selbst es so empfunden hat, ist für mich nicht nachvollziehbar. Da kommt wieder so eine Art Intolleranz durch, die ich immer wieder in Gruppen mit bestimmten Vorstellungen gesehen hab. Leben und leben lassen.

    • Miss Coolblue

      🙂 Na dann sind es wohl nur einige. Ich habe nen haufen von denen im Bekanntenkreis, wie wohl jeder andere auch. Aber die scheinen sich keinen Kopf zu machen und zufrieden zu sein.

  5. Christina

    meiner Meinung nach ist jeder Gegenstand, den wir besitzen, mit Erinnerungen verbunden. Durch die Entdeckung und Anwendung des Minimalismus in meinem materiellen Bereich hat sich meines Gefühls nach auch mental schon einiges bei mir verändert. Denn durch das los werden der Gegenstände konnte ich auch einige unangenehme Erinnerungen loslassen, meine Vergangenheit hinter mir lassen. Durch den Minimalismus lebe ich geistig mehr im jetzt statt mir immer noch über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die längst vergangen und nicht mehr zu ändern sind.

  6. S.B.

    Ein sehr schön geschriebener Artikel! Toll fand ich, dass du gerade auch die Zeit betont hast, die so ein Wandel braucht. Das gerät trotz aller guten Bemühungen schnell in Vergessenheit.

    Minimalismus bzw. der Weg dorthin greift in meinen Augen auch mit Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Sparsamkeit, bewusster Lebensweise etc. ineinander. Das macht das ganze auch attraktiv, denn man gewinnt in vielerlei Hinsicht. Ich fühle mich dadurch so gut wie nie “arm”, auch wenn ich das statistisch gesehen bin. Das gibt mir ein kleines Stückchen Freiheit zurück.

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