Paar Freunde trinken Glhwein auf dem Weihnachtsmarkt
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Ich übe seit 15 Jahren

Gestern Abend war ich bei mir in Refrath auf dem Weihnachtsmarkt. Unser Weihnachtsmarkt ist hier wirklich sehr klein und eigentlich ist nur etwas am Wochenende los, aber der Glühweinstand ist wie auf den großen Märkten in Köln und Umgebung immer gut besucht. Hier treffen sich eigentlich immer wieder dieselben Menschen. Es geht um sehen und gesehen werden, gemütliches Beisammenstehen und natürlich auch etwas Alkohol.

Aber es geht mir gar nicht darum, sondern ich möchte euch erzählen, was mir gestern hier am Crêpes Stand passiert ist. Der Stand war eigentlich recht leer. Zwei Jungs standen vor mir in der Schlange und überlegten noch, welche Variante sie nehmen sollten. Hinter der Theke erklärte der erfahrene Crepés Bäcker gerade einer neuen Aushilfe, wie alles richtig funktioniert. Angefangen vom Einfetten der Platte mit kreisenden Bewegungen über das Vorbereiten des Teiges, das prüfen der richtigen Konsistenz bis hin zum eigentlichen Backen.
Ich konnte die ersten Versuche der Aushilfe sowie die Anweisungen und Tipps des erfahren Bäckers hören. Zuerst habe ich mich etwas geärgert, dass ich so lange warten musste, aber dann habe ich mir dieses Schauspiel angesehen und gemerkt, dass es hier um etwas ganz elementaren geht. Das Üben einer Fertigkeit. Und die ersten Versuche. Auch wenn die Redewendung „Übung macht den Meister“ etwas abgegriffen ist, war das die exakte Beschreibung dessen, was ich gesehen habe.

Ich habe, wie ich an der Reihe war, ein kleines Gespräch mit dem Mann angefangen. Und gesagt, dass es wohl nicht so einfach ist, einen guten Crêpes zu backen. Er hat mir darauf dann geantwortet: Ich übe seit 15 Jahren.

Diese Aussage hat mich innerlich umgehauen. Dieser Mann war sich vollkommen bewusst, was er tat. Wer nach 15 Jahren seine Tätigkeit immer noch als Üben bezeichnet, muss einfach ein Meister seines Faches sein. Er hat noch den Anfänger Geist, alles richtig machen zu wollen, gepaart mit der Erfahrung der Jahre, ist sich aber bewusst, dass es bei jedem Mal auch noch besser werden kann.

Was habe ich gelernt? Ich sollte mich nie wieder ärgern, wenn ich etwas warten muss. Ich habe wieder etwas über Handwerk und Kunst bei der Arbeit gelernt. Ich habe den Crêpes ganz anders genossen. Und ich teile diese Geschichte hier mit euch, damit ihr die kleinen Dinge auch wieder mehr zu schätzen wisst und die Welt mit anderen Augen seht, so wie ich es manchmal kann.

 

 

11 Kommentare

  1. M21

    Das sind weise Worte, lieber Michael!

    In der Soziologie spricht man mittlerweile von einer lebenslange Sozialisation:
    Das Lernen und der Einfluss von anderen hört damit erst auf, wenn wir sterben.
    Allerdings muss man sich auch darauf einlassen können, öffen für anderes und für andere sein.
    Wer blind und taub durch die Welt läuft und denkt, schon alles zu wissen, alles gesagt zu haben, wird diese wertvolle Erfahrung des lebenslangen Lernens nicht machen.

    Schon mal einen schönen 3. Advent und herzliche Grüße aus München
    M21

    • Danke M21,

      ich wünsche euch eine letzte schöne Vorweihnachtswoche. Das lebenslange lernen wird mir auch immer wieder bewusst, wenn ich nur einmal schaue, wo ich beruflich vor 10-15 jähren stand, und wo ich heute bin. Ich nutze andere tools, sitze an einem anderen Platz und der Umbruch wird sicher weiter gehen.

      Liebe Grüße
      Michael

  2. O, das ist ein tolles Erlebnis! 🙂 In unseren schnelllebigen und hektischen Epoche mit 24/7 Verfügbarkeit vergessen wir viel zu oft, wie viel Zeit Dinge benötigen – beispielsweise auch die Regeneration der Natur und unseres Körpers.

    Noch ein Grund mehr für Entschleunigung. 🙂

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Danke Philipp,

      ich war auch etwas geflashed diese Erfahrung bei mir um die Ecke zu machen. Es ist eine schöne Geschichte und ich freue mich, dass andere dies auch so empfinden. Manche können damit nichts anfangen und sehen darin auch nichts besonderes, aber ich schon 😉

      Lg Michael

  3. Tia

    Eine wirklich schöne Geschichte. Und mir gefällt der Begriff „Kunst bei der Arbeit“ sehr. In nahezu jeder Tätigkeit steckt etwas Besonderes und Wertvolles, man muss es sich nur bewusst machen und immer wieder offen sein für neue Herausforderungen und Entdeckungen. Meistens passieren die besonderen Dinge dann, wenn man sie nicht erwartet.

    • Ja Tia, genauso ist es.

      Ich war auch sehr überrascht dieses Erlebnis bei mir um die Ecke auf einem kleinen Weihnachtsmarkt zu haben. Seine eigene Arbeit mehr wert zu schätzen auch wenn es andere nicht oder nur wenig tun hilft auch oft weiter, wenn man sich einmal wieder nach dem Warum fragt.

  4. catotje

    Ich wollte genau den gleichen Satz wie Frau DingDong schreiben: Was für eine tolle Geschichte!

    Das erinnert mich an gutes Horsemanship (hierbei lernt man auch nie aus): Achtsamkeit ist dafür sehr wichtig!

  5. Hallo Michael,
    das erinnert mich an Gedanken aus dem Zen. Gibt es nicht sogar ein Buch mit dem Titel Zen Geist – Anfänger Geist. Ich glaube dabei geht es auch darum seinen Anfängergeist zu behalten. Dein Artikel hat das schön an diesem Beispiel dargelegt.

    Lieben Gruß,
    Marco

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