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Reduktion über alles?

kleiner minimalistischer Raum mit einem großen Fenster

© archideaphoto – Fotolia.com

In den letzten Tagen habe ich mir viele Gedanken über die challengesgemacht, die im Netz auf vielen Minimalismus Blogs rund um den Globus zu finden sind. Dort geht es, kurz gesagt, darum in einer gewissen Zeit eine Anzahl von Gegenständen los zu werden. Ich habe mir früher selbst diese Herausforderungen gestellt und wollte zum Beispiel 100 CDs in 10 Tagen loswerden. Für den Anfang ist dies eine tolle Herangehensweise, aber ich bin mittlerweile an einen Punkt angekommen, wo es mir nicht mehr darum geht, wie viele Teile ich am Ende wirklich besitze. Bei dem3Sat Interview ist mir sehr bewusst geworden, wie plakativ manchmal mit Zahlen um sich geworfen wird. Eine Frage war dort, wie viele Sachen ich „vorher“ besessen habe und nun besitze. Ich habe selbst in der Vergangenheit diese challenges betrieben, aber was bringt dies wirklich?Natürlich ist es schön zu sehen, wie weit ich gekommen bin und dass es einen großen Unterschied macht, weniger zu besitzen, aber dafür muss ich mich auch nur einmal in meiner Wohnung umsehen.

Ich finde es heute wichtiger Fragen zu stellen. Fragen an die Güter, die ich regelmäßig kaufe, die ich besitze und die ich in Zukunft konsumieren werde. Das ist der Punkt, wo man Konsumkritik zu einem gewissen Grad verinnerlicht hat und sich fragt, muss es wirklich das abgepackte Bio Gemüse aus dem Discounter Supermarkt sein, oder wäre ein Bauernhof in der Region, nicht doch eine optimalere Wahl. Muss ich wirklich auf ein neues Auto sparen oder probiere ich bei nächster Gelegenheit mal einen Carsharing Dienst aus. Ich hinterfrage gerade meine Kleidung und die Erwartungen der Gesellschaft an diese, meine Ernährung und meine Vorratshaltung im Allgemeinen. Diese Fragen kamen früher schon immer einmal auf, wurden aber auf eine Liste gesetzt und nicht weiterverfolgt. Ich bin froh jetzt an einem Punkt zu sein, diesen Dingen mehr Gewicht geben zu können und an der kritischen Auseinandersetzungen mit so „banalen“ Produkten wie T-Shirts, wachsen zu können. Das mag sich für den ein oder anderen verrückt anhören, aber für den eingeschworenen Minimalist, nur ein logischer nächster Schritt.

Deswegen möchte ich gerne anregen, dass man nicht nur Dinge wegen einer Herausforderung los wird, sondern weil man sich wirklich mit jedem einzelnen Ding beschäftigt hat und eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Man sollte aufpassen, dass die Spirale sich auch nicht zu extrem dreht und man sich nicht ständig fragt, was man als Nächstes noch (zwanghaft) loswerden kann. Das ist meiner Meinung nach, eine gefährliche Kehrseite.Man wächst nicht daran, indem man auf exakt 100 Gegenstände reduziert ohne jedes Teil, das man weggibt, aufs Neue zu hinterfragen.

24 Kommentare

  1. Ich stimme dir vollkommen zu, dass an einem bestimmten Punkt die Konsumentscheidung viel wichtiger wird, als das „abwerfen weiterer Last“.
    Die Challenges halte ich aber für einen sehr guten Start, insbesondere für Menschen, die plötzlich in das Thema reinrutschen, weil sie zum Beispiel die Einstellung ihrer Partner kennenlernen wollen. Erst als ich „gezwungen“ war etwas abzugeben und nicht mehr durch einfaches Umschauen in der Wohnung Gegenstände gesehen hab, die ich entbehren kann, hat bei mir der Prozess auch im Kopf begonnen. Warum hab ich das eigentlich? Wann hab ich das letzte mal benutzt? Wie realistisch ist es, dass ich es nochmal in die Hand nehme?

    Was empfiehlts du denn für Anfänger anstelle/neben der Rausschmeiß-Challenge noch für Herangehensweisen an den inneren Minimalisten?

    • Hallo sadfish. Das ist eine gute Frage, die Diskussion darüber kam auch auf der Facebook Seite auf. Ich werde in nächster Zeit mal eine Unterseite anlegen auf der ich etwas über das Thema, wo man Anfangen kann schreiben werde und einige Artikel verlinken. Das wird aber etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Danke für Deinen Kommentar

  2. martin

    danke für diese gedanken. ja, ich finde es auch wichtiger bewusste kaufentscheidungen zu tätigen, als exakten zahlen hinterher zu laufen. und so hab ich mir nach wochenlangem nachdenken und informieren, rahmengenähte lederboots gekauft 300 euro und nicht billigplastikklebeschuhe für 50. die kann ich reparieren und neu besohlen lassen. ich kauf mir nur noch gute ware. die man reparieren kann und die vielleicht dann auch 5 oder 10 jahre halten.

  3. Stefan

    Für mich ist die Reduzierung wie eine Sucht geworden. Noch immer bin ich dabei, Dinge aus meinem Besitz zu verbannen. Dinge bei denen ich mich erst schwer getan habe, ich nun aber endlich eingesehen habe, das diese keinen effektiven Wert mehr für mein Leben haben. Natürlich bin ich – wie du Michael – schon lange an dem Punkt, an dem ich Konsum in allen Bereichen aufs schärfste Hinterfrage. Brauche ich das? Was habe ich davon? Trägt es zu einem besserem Leben bei? Als Minimalist stellt man sich mehr Fragen und folgt nicht dem allgemeinen Muster der Gesellschaft.

  4. Kristina

    Ich verfolge die „Minimalismus-Bewegung“ und die dazugehörigen Blogs schon eine ganze Weile und mir fällt auf, dass viele Menschen, die sich für das Thema interessieren zwar Besitz , Menschen und gewisse Hobbys loslassen, jedoch immer noch am Besitzen orientiert sind. Was genau meine ich damit ? Ich meine, dass die Gedanken bei vielen „Minimalisten“ ständig um Konsum und Besitz kreisen, selbst wenn diese Gedanken in „Nicht-Besitzen“ verpackt sind. Zu Beginn eines Entwicklungsprozesses hin zum Minimalismus ist dies vollkommen legitim und in unserer, auf Privateigentum begründeten, Gesellschaft auch logisch. Zuerst einmal muss ein gewisser Freiraum durch das Loslassen von Dingen und die Frage nach dem Sinn von gewissen Besitztümern geschaffen werden. Erst dadurch, dass man sich um weniger Dinge, Menschen und Hobbys kümmern muss und nicht mehr ausschließlich als Konsument durch das Leben rennt, hat man die Zeit sich auf Wichtigeres zu fokussieren. Was aber ist wichtiger? Nun könnte ich hier abschließen, indem ich jedem die Verantwortung dafür überlasse, was wichtiger ist. So leicht möchte ich es mir allerdings nicht machen, da ich hier einen neuen Aspekt von Minimalismus ansprechen möchte. Was wäre, wenn ein weiterer Schritt im Minimalismus bedeuten würde, sich von seinen Gedanken um Besitz abzuwenden. Damit meine ich keine konsumkritischen oder gesellschaftskritischen Gedanken, die ja über das Thema Besitzen weit hinausgehen, sondern eher triviale Gedanken wie „was will ich noch loswerden?“. Vielleicht hilft es, wenn man seinen Besitz dabei in funktionalen und existentiellen auf der einen Seiten und in toten Besitz auf der anderen Seite einteilt. Existenzieller Besitz befähigt Menschen in der aktuellen Gesellschaft zu überleben und ist auf diese bezogen, funktionaler Besitz animiert eine Person zu mehr Lebendigkeit und geistigem Wachstum. Toten Besitz, der nur konserviert oder aus konventionellen Gründen aufbewahrt wird, kann man getrost loslassen. Jetzt könntet ihr mir vorwerfen, dass ich wieder um das Thema Besitz kreise. Dies ist bis hierhin richtig, soll sich aber nun ändern. Ich fände es sehr minimalistisch, wenn nach diesen ganzen Gedanken über Loslassen von Dingen usw. Gedanken aufkämen, die sich nicht mehr an Dingen orientieren. Gedanken über den Sinn des Lebens, über das eigentlich Wichtige und Wesentliche. Als Ideen dafür, was wirklich wichtig ist, schlage ich einen radikalen Humanismus vor. Damit meine ich geistigen Wachstum, der von einer egozentrischen Haltung des Konsumenten hin zu einer sozialen auf seine Umwelt bezogene Haltung führt. Wie wäre es, die Zeit, die man nicht mehr mit unwichtigen Dinge verbringt, stattdessen für das Gemeinwohl, die Selbstwahrnehmung und die Bildung zu investieren? Meiner Meinung nach ist Minimalismus also minimales Denken und Handeln in Bezug auf Besitz. Außerdem gehört für mich dazu, seine allgemeine Besitzorientierung zu verlieren. Das sollte dazu führen, dass man von keiner Sache, Haltung und keinem Menschen oder Ritual so abhängig ist, dass man sich damit identifiziert und ohne es Angst hat sich selbst zu verlieren. Wenn man also anfängt süchtig nach etwas zu werden, ohne es demnach nicht mehr glücklich ist, dann wird man unfrei….und das wiederum ist für mich das Gegenteil von Minimalismus…

    • Diese Gedanken sind interessant. Berechtigt. Ich denke, ich sollte die Themen Kleiderschrank und Archiv schnellstens abhaken. Ich merke, mich nervt’s langsam. Außerdem will ich ja frei sein, um meine Zeit für wesentlichere Dinge zu verwenden.
      Als Mutter muss ich allerdings gestehen, dass ich diesen Zustand des vollkommenen Freiseins, wie ich ihn aus deinen Worten herauslese weder erreichen werde noch anstreben mag. Mein Glück ist tatsächlich von meiner Familie abhängig. …

      Was ich an dieser Stelle aber auch noch loswerden wollte: (es zielt ein wenig in deine Richtung) ich möchte auch von gedanklichem Ballast frei werden. Gedanken, Projekte, die einen fortwährend beschäftigen, weil sie eben noch anstehen, da man sie irgendwann angestoßen, eingegangen ist und die man immer so vor sich herschiebt. Man hat da mal was angefangen. Vielleicht nicht nur einmal, sondern an mehreren Stellen und verzettelt sich total. Uns ging es eine zeitlang mit unserem reduziert-leben BlogProjekt so. Wir waren kurz davor es an den Nagel zu hängen, denn schließlich wäre es eine aus Überzeugungen gewachsene Konsequenz gewesen. Wir wollen reduzieren. Innerlich frei werden. Aber da war doch was. Es Blog. Ahhh, eigentlich muss nochmal ein Artikel her… Das kann einen ja auch unter Druck setzen, den man nicht haben, besitzen mag.

      • Kristina

        Hallo Rage, ich muss dir sagen, dass ich es deine gewünschte „Unfreiheit“, wenn ich es so ausdrücken darf, in Bezug auf deine Familie, also in Bezug auf dir wichtige Menschen, ganz toll finde…Freiheit ist ein hohes Gut, aber jeder muss seine Grenzen beim Weg zur Zufriedenheit kennen!

    • Sehr interessante Aspekte, die du hier ansprichst. Ich denke in einer auf Besitz ausgelegten Gesellschaft ist es schwierig nicht ständig gezwungen zu sein sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Aber auch ich fände es einen erstrebenswerten Geisteszustand, nicht mehr so häufig über diese Bereiche nachdenken zu müssen. Aber dieser Weg (teilweise Rückweg) ist lang, wenn man z.b. die ersten 25 Jahre auf diesem Planeten gelernt hat, dass es gut ist, viel zu besitzen. Da gestehe ich mir selbst und allen anderen Minimalisten auch gerne einige Jahre des Umlernens zu, in denen die Gedanken dann um das Nicht-Besitzen kreisen.

    • Hallo Kristina, danke für deinen Kommentar und die neun Aspekte in diesem Themenfeld.
      Ich stimme dir voll und ganz zu, dass diese Artikel rund um das Aussortieren, losgeworden sein und ersetzen durch x, mittlerweile durch sind. Damit meine ich, dass jeder Minimalismus Blog Tipps zum Themenfeld reduzieren, aussortieren und los lassen gibt und irgendwann einmal alle 1000 Tipps, irgendwo geschrieben stehen und es sich nur um weitere Verfeinerungen, oder mit persönlicher Erfahrung gewürzte Spielarten des schon da gewesenen handelt.
      Für die erste Stufe zu meistern und sich von Konsum an sich zu lösen sind diese Art von Tipps weiterhin ein sehr guter Einstieg und es wird bestimmt noch der ein oder andere auch auf diesem Blog folgen.
      Ich habe mich noch nicht so intensiv mit dem Humanismus beschäftigt, als dass ich hier dazu in einer angemessenen Tiefe Stellung nehmen kann (Fromm, Heidegger & Sloterdijk, sind schon auf der „zu lesen“ Liste), allerdings kann ich davon berichten, was sich für mich geändert hat.
      Der sich durch den Minimalismus aufgetane Freiraum wird bei mir zurzeit gefüllt durch das Angehen von größeren Baustellen in meinem Leben.
      Ich gehe konform mit dir, dass persönliches Wachstum sich von innen heraus entwickeln kann, und bin sehr froh über viele konstruktive Gespräche, die mir geholfen haben, Dinge für mich zu erkennen und weitere Prozesse anzustoßen. Wie ein Sandkorn was in einer Muschel zu Perle reift, ist diese Anlage tief in uns verwurzelt. Dass vielen Menschen diese Verbindung verloren haben, kann man in jeder Buchhandlung sehen. Ratgeber zu allen Themen und in jeder Form sind ein zentrales Element in jedem Eingangsbereich.

  5. martin

    danke kristina für diese gedanken. in fortverlauf dieser gedankengänge müssten wir dann auch den minimalismus als gesprächsthema und blogthema hinter uns lassen. weil es keinen grund mehr gibt darüber zu debattieren, da es so selbstverständlich ist. aber davon sind wir noch meilenweit entfernt.

  6. Tatsächlich neigt man als Minimalist zu Projekten. Solange man noch bestimmte Bereiche seines Lebens gezielt verändern möchte, finde ich das auch ok. Aber natürlich: Minimalismus darf nicht nackt in der Tonne enden. Es geht ja schließlich um Lebensfreude und Zufriedenheit, nicht um Selbstbestrafung. Und so lange man sich z.B. noch nicht gut fühlt eine Sache loszulassen, sollte man sich auch nicht dazu zwingen, nur weil man gerade ein Projekt hat. Aber ja, das Risiko des Übertreibens ist Teil der Veränderung. Das sollte einem bewusst sein.

  7. Wenn man bedenkt worüber man so nachdenkt…
    Brauche ich das? Will ich das wirklich weg geben? Will ich das kaufen oder reicht es geliehen? Wie vermeide ich Plastik? Wie ernähre ich mich richtig? Ist vegan besser als omnivor?
    Das moralische empfinden und die eigenen Wertvorstellungen immer in wieder in Frage zu stellen, verbraucht genauso Zeit und Energie. Zudem selten körperliche Energie. Es kann uns trotzdem regelrecht auszehren.
    Ich bin immer froh wenn der ein oder andere einen Tipp hat und ich nicht zu viel recherchieren muss. Irgendwann dreht man sich im Kreis. Alle scheiben über die selben Themen. Man zieht Vergleiche zu anderen und das frustriert einen vielleicht noch mehr.
    Vielleicht ist das alles doch ungesünder als man denkt?

    Ich bin froh über kleine Schritte und Teilerfolge. Man sollte einfach mal Pausen einlegen und nicht so sehr drüber nachdenken. Dann auf einmal merkt man wie sehr sich vieles automatisiert hat. Man greift intuitiv zu der Packung mit weniger Plastik, man geht einen einzigen Pullover kaufen, weil das Lieblingsstück ein Loch hat.
    Und man schick einer Freundin seinen halben Wollvorrat, weil man garnicht mehr daran denkt was man draus machen könnte, sondern dass sie damit ihr Projekt beenden kann.

    LG
    Mareike

  8. Thomas

    Interessante Gedanken über die Gedanken zum Minimalismus! Einfach mal Pause machen hilft dabei, das Gedankenkarussell anzuhalten und sich umzuschauen. Denn auch Gedanken können überhand nehmen und das Leben verstopfen. Besonders fiel mir das bei deinem Eintrag über den Kaffee auf, Michael. Was passiert, wenn wir uns zu viele Gedanken machen über alles mögliche (und diese sind auch noch beliebig austauschbar)? Das Leben zieht an uns vorbei. Und das ist gerade nicht die Intetion, die hinter dem Minimalismus steht. Also bewusst machen, dass man gerade denkt und manchmal zu viel denkt, auch das gehört dazu. Und schon kann man aufhören damit … wieder was weg. Frei sein!

    Grüße von einem der gerade erst anfängt
    Thomas

  9. Marina

    Finde ich gut, – auch danach zu leben …
    Denn:
    Weniger ist mehr!
    Auf diese Weise kann mein Leben an Bewusstsein, Tiefe und Intensität gewinnen, und das bedeutet für mich tatsächliche LebensQUALITÄT!
    Nicht auf Quantität kommt es wirklich an, – wie es viele, u.a. auch Politik und Wirtschaft , uns tagtäglich weiszumachen versuchen, denken Sie z.B. bloß an das WACHSTUMsbeschleunigungsgesetz, worunter auch sicherlich nur Quantität gemeint ist!
    Ach übrigens,
    folgender Satz passt doch auch irgendwie schon gut zu dem Thema:
    „Den Jahren mehr Leben – und nicht dem Leben mehr Jahre geben!“ 😉

    In diesem Sinne
    Marina

  10. Saskia

    Ich überlege mir sowohl beim Entsorgen als auch beim Anschaffen „brauche ich das wirklich?“ Momentan entsorge ich noch sehr viel, das liegt bei mir aber auch daran, das ich erst Ende 2012 angefangen habe, all das, was ich über 19 Jahre angesammelt und dann zwei Jahre mit mir herum geschleppt habe, auszudünnen. Ich finde immer noch etwas aus dieser Zeit, das ich entsorgen muss/kann, aber es ist schon viel viel weniger geworden, worüber ich wirklich froh bin. Bis ich das Alte endlich vollständlig abgelegt habe, heißt die Antwort bei mir eben öfter noch beim Entsorgen „nein, das brauche ich nicht mehr“.

    gruß Saskia

  11. Carsten

    Ich bin vor ca. 20 Jahren zum Minimalismus gelangt, als ich spürte, dass (unnötiger) Besitz eine Art „Anhaftung“ in meinem Inneren vollzieht, wie ein subtiler Ballast auf meine Seele wirkt. Es war ein langer Prozess, der mich viel auf seinem Weg gezeigt hat. Ich habe Unterscheiden gelernt, zwischen dem Notwendigen und dem Unnötigen. Seitdem kaufe ich das, was ich als Notwendig erachte, sehr bewusst ein, prüfe es auf Qualität, Nachhaltigkeit und Fairness, und es fällt mir nicht schwer dies zu tun. Der Mensch ist durch seinen Körper an die Materie gefesselt und somit an die Notwenigkeiten, die dieser Umstand mit sich bringt. Das Loch in unserem Herzen, dass uns oft traurig, verzweifelt, lieblos und kalt zurücklässt, wird von der Konsumgesellschaft bis zum Brechreiz ausgenützt. Marken werden so raffiniert ins Bewusstsein gepflanzt, damit sie ein Teil unserer Identität werden, dass aber nicht genug, Marken sollen an die Stelle von Religion und Spiritualiät treten, uns ihre Vorstellung von Freiheit und Wahrheit suggerieren, bis der Konsument zu verfügbaren, willenlosen Lebenseinheit verkommt, mit einem steten Hunger, der gleichen Gier, wie diese Leute, die ihn dazu verleitet haben.

    Minimalismus ist eine unglaublich wichtige Bewegung, sozusagen ein straffer Gegenpol zum dumpfen Massen-Konsum. Denn dieser schiebt die gesamte Menschheit immer mehr zu einem tiefen Abgrund. Wasser und Luft sind massiv vergiftet, das Klima verändert sich immer dramatischer, unsere Körper wird von den Giften innerhalb der Konsumgüter untergraben (Kleidung, Chemiecocktails im Supermarkt-Mast-Fraß, Elektrosmog, Weichmacher, Hormone, Schwermetalle…etc..etc). Das sind nur die physikalischen Gifte, von den geistigen Giften will ich hier gar nicht reden.

    Für mich ist Minimalismus, um es nochmal zusammenzufassen, ein Teil des Bewusstseins, das eine klare Wahrnehmung vorraussetzt. Diese Wahrnehmung unterscheidet das Notige vom Unnötigen, die Lüge von der Wahrheit, das Gefängnis von der Freiheit. Der Minimalist legt sich nicht zum schlafen ins Bett und grübelt über tausend Sachen nach, sondern höchstens über eine Sache: Wie lerne ich es, genau dies nicht zu tun! Der Minimalist identifiziert sich nicht mit den tausenden von Bildern seiner Vergangenheit, mit seinem Besitz oder seinem scheinbaren Ansehen, dass er durch Besitz errungen hat, er lebt im Hier und Jetzt. Er ist nicht das was er hat, sondern er ist das was er wirklich ist, etwas, was er weder kaufen noch besitzen kann, weil er es schon immer hatte und immer haben wird.

    Grüsse
    Carsten

  12. Vor 2 Jahren ging mein Geschirrspüler kaputt. Ich hab mich so gefreut. Mehr Platz! Endlich darf ich mal spülen im meinem Leben. Sofort Geschirr minimiert. Ich hab seitdem beim Spülen die besten Ideen. Finde das meditativ.

  13. Hallo Michael,

    ich frage mal, weil du’s auch im neuen Podcast ansprichst: Wo sind denn die Grenzen für Euch? Soll ja nicht zwanghaft werden mit dem Reduzieren. Ab wann wird es für Euch stressig, zu wenig zu besitzen? Weil man sich selbst die Möglichkeiten nimmt, Neues auszuprobieren. Ich bin froh, dass ich keine DIY-Hobbies habe oder Material sammle. Und: Fändet Ihr total reduzierte Hotelzimmer nicht nach ein paar Tagen total stressig? Weil Ihr im Podcast öfter davon schwärmt.

    Liebe Grüße,
    Tanja

  14. Seb

    Obwohl die Kommentare schon ein wenig zurück liegen möchten ich das Ganze mal kurz wiederbeleben, da mich seit einiger Zeit Fragen zum Minimalismus umtreiben auf welche ich für mich noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden habe. Als Freizeit-Musiker verfüge ich über diverses Equipment welches mir erlaubt bestimmte Sounds und Musikrichtungen zu spielen. Das Material ist sozusagen ein Werkzeug welches ich nutze um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Ich besitze die Sachen nicht doppelt, aber es sammelt sich schon einiges an, welches doch konträr zu der Idee des Minimalismus steht (Noten, Effektgeräte,Verstärker, Gitarre, Bass, Kabel). Meine Frage zielt darauf, ab welchen Punkt Minimalismus Sinn macht, da ich mich bestimmter (Ausdrucks)Möglichkeiten beraube oder einfacher gesagt bestimmte Hobby´s/ Jobs nicht mehr ausüben kann, weil alles dem Minimalismus zum Opfer gefallen ist. Was ist ein Maler ohne Stift, Farbe und Leinwand? Wie seht ihr die Sachlage?

  15. Carsten

    Hallo Seb,

    ich bin selbst Musiker (und Minimalist) und habe natürlich auch viel über mein Setup nachgedacht. Was ich notwendigerweise brauche um Kreativ zu sein, muss natürlich bleiben, sonst kann ich das Ganze an den Nagel hängen. Minimalismus ist in meinen Augen das Schwert, das alles Unnütze, Überstehende und überquellende, wegschneidet, um den Kern freizulegen um den es ja geht.

    Beispiele aus meiner Erfahrung:
    Habe mir z.B. ein sehr gutes Audiointerface gekauft, dessen Mic-Preamp so gut ist, dass ich kein extra Gerät (Preamp) dazu brauche. Den Hardware Compressor/Limiter/EQ etc. habe ich mit guten VST Plugins ersetzt (ausser, dass Hardware meistens einen eigenen Charakter besitzt, höre ich kaum Unterschiede). Somit fallen endlose Verkabelungen, Staubfänger und Stromfresser weg.

    Bei Synthesizer wird das Ganze schon happiger. Ich bin Analog-Verfechter, manche haben gewisse Sounds die für mich unverzichtbar sind, also bleiben. Finde ich aber ein Gerät, was andere ersetzt, fliegen diese meist rasch raus, sprich, der „Sammler“ existiert in mir nicht. Ob das Gerät ein Klassiker ist oder ihm andere Geschichten anhängen, interessiert mich nicht.

    Zusammenfassend würde ich sagen, alles was notwendiges Kreativ-Werkzeug ist, dass man braucht um seine Musik zu machen und kratzt Null an der „Minimalismus-Ehre“. Man darf nur nicht den Fehler machen zu glauben, mehr Auswahl an Sounderzeuger/Möglichkeiten = mehr kreatives Potential, viele verlieren sich eher darin und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

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