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Abendspaziergang

Kazimierz, former jewish quarter of Krakow, Poland. Tourists destination

© agneskantaruk – Fotolia.com

Mit der Kühle der Abendluft kommt auch die Klarheit in meinem Kopf. Der eigentliche Grunde, warum ich jetzt noch ein paar Runden durch den Ort gehe, ist, dass ich auf meine 10.000 Schritte am Tag kommen möchte. Auch wenn ich dieses Ziel erreicht habe sind die kleinen Ereignisse auf diesem Weg viel spannender.

Ich musste noch etwas Geld abheben und sah einen Sohn mit seinem Vater, dem er die Überweisung über ein Terminal erklärte. Und ich dachte bei mir, das könnte ich mit meiner Mutter sein. Ich habe mich darüber gefreut, dass zum einen, der Vater sich mit dieser Technologie auseinandergesetzt hat und zum anderen der Sohn diese Geduld hatte, ihm den Vorgang in ruhe zu zeigen.

Ein paar Schritte weiter hörte ich Musik, es war Saturday Night Fever und ich sah einige Damen zwischen 20 und 35 in schwarzen Oberteilen und Jeans in einem Modegeschäft auf und ab gehen. Dynamisch, freudig und voller Energie. Es musste sich um ein Firmenevent handeln, vielleicht mit einem Coach, vielleicht über Körpersprache. Ich dachte mir: “Toll, dass der/die Inhaber Geld in Ihr Personal investieren”  und ziehe weiter. Dann entdeckte ich ein küssendes Pärchen auf der Bank. Sie haben in diesem Augenblick nur sich selbst wahrgenommen und ich war ihr stiller Zeuge.

Im Bäcker war die Reinigungsfachkraft mit der Arbeit fertig und schloss den Laden ab. Etwas weiter beim angesagten Italiener der Altersklasse 45+ hatten sich die Leute herausgeputzt. Es fand das alte Gesellschaftsspiel statt. Sehen und gesehen werden. Auf dem Parkplatz kam gerade ein ADAC Auto an, ich konnte die Unsicherheit der älteren Dame spüren und dann versprühte der Servicemitarbeiter mit einem “wunderschönen guten Abend” mit einem breiten rheinischen Akzent, so viel Charm, dass man das Eis förmlich brechen hörte.

Das Schöne ist. Alles ist wirklich so passiert, und das in einem Zeitraum einer guten halben Stunde. Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Tagen und Wochen noch alles erleben werde, wenn ich wieder offener durch die Welt gehe und Eindrücke registriere. Wenn ich so darüber nachdenke, war das dann nicht Achtsamkeit im Alltag? Auch wenn ich nicht ganz bei mir, bei meinen Schritten war, habe ich viel von der Umgebung aufgesaugt, was mir sonst verborgen geblieben ist. Auf dem Weg zum Supermarkt, denkt man ja meist schon an den Einkauf und nimmt so etwas nicht bewusst wahr.

Was ist dir denn auf den letzten Spaziergängen aufgefallen?

10 Kommentare

  1. Oh, ich finde, eine wunderschöne Beschreibung, wie Achtsamkeit im Alltag aussehen kann. Einfach mal bewusst registrieren, was geschieht – anstatt sich einfach nur zudröhnen zu lassen. Und es geschieht natürlich auch immer was drum herum , was zunächst mal nicht zwingend etwas mit der eigenen Person zu tun hat – wobei: mit der eigenen Wahrnehmung und ggf. den eigenen Gedanken und Gefühlen ist man ja schon dabei.

  2. Wie schön 🙂
    so laufe ich immer durch die Gegend, egal wohin, immer alles beobachtend und aufsaugend 🙂
    Dachte zwar immer ich hab ne Macke weil mich einfach alles so fasziniert wenn ich rumlaufe aber
    nein das ist keine Macke sondern seine Umgebung wahrnehmen. Ich würde sagen man kann durchaus auch Achtsamkeit dazu sagen 🙂

    Liebe Grüße
    Aurelia

  3. Maren

    Das hier, Michael: https://unterwegs72.files.wordpress.com/2016/03/dsc_0017.jpg

    Soll jetzt keine Werbung sein, aber es lässt sich leider kein Bild posten.

    Mich in der Natur zu bewegen, sei es mit dem Rad oder zu Fuß, ist mein Hobby – begleitet werde ich von meiner alten Kamera.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Motivation, die Schrittzahl zu erreichen.

    PS: Mein (kleiner) Rat wäre noch eine Ernährungsumstellung… habe mal eine Weiterbildung zur Ernährungsberaterin gemacht und könnte dir gerne zwei, drei Tipps geben.

    Gruß
    Maren

  4. Was für ein wundervoller Artikel.
    Ich erlebe diese Abende (meist mit Hund) auch sehr inensiv. Es ist allerdings für mich auch immer eine bewusste Konzentration. – ohne Ablenkungen.
    Den Zusammenhang zu meiner Ernährungweise sehe ich auch und immer wieder. Wenn ich MAL (sehr selten) “Schrott” esse (für mich ist das alles Gekochte), je schwerer bin ich Abends und umso träger bin ich. Gekochtes nimmt mir viel Lebensenergie.
    Auch und gerade wenn ich Abends noch viel arbeite genieße ich danach diese Schritte …
    Vielen Dank für Deine Erleben.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Astrid

  5. Danke, Michael, für diesen schönen Text.

    Ich mag das Spazierengehen in Stadtvierteln sehr. Gerade “kleine” Alltagsbeobachtungen lösen in mir das Gefühl aus, reich und verbunden zu sein. Reich an Sinneseindrücken und kleinen Sensationen, an Erfahrungen. Verbunden mit der Welt, die mich umgibt. So wie sie ist.

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