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Gastartikel: Lang lebe das Buch

© ra2 studio - Fotolia.com

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Seit ich begonnen habe mich mit dem Minimalismus zu beschäftigen habe ich in verschiedenen Bereichen erheblich aussortiert und somit die Menge meiner Besitztümer deutlich reduziert. Vieles davon vermisse ich nicht im geringsten.
Warum auch. Ich brauche keine 9 Gürtel im Schrank und auch 5 Armbanduhren muss ich nicht mein eigen nennen, zumal ich in den letzten Jahren nicht einmal eine davon getragen habe. Minimalismus beginnt für mich im Kleinen. Vielleicht nur noch eine oder zwei Parfümsorten im Badezimmer stehen haben, zwei Garnituren Bettwäsche reichen ebenfalls zum komfortablen Überleben und aus 45 T-Shirts sind schnell 10 gemacht.

Die größte Baustelle bislang war aber sicherlich mein Büro. Die Aktenordner und Briefe, sowohl beruflich als auch privat türmten sich auf und jeden Tag kam mehr hinzu. Es hat ein wenig Mühe gekostet, doch dank meines Snapscan Scanners konnte ich auch diese Herausforderung meistern. Alle meine Briefe und Unterlagen sind nun sicher und ordentlich, OCR-gescannt – und damit durchsuchbar, in der Cloud, genauer in Evernote gespeichert. Aufgehoben wird nur, was aus rechtlichen Gründen aufbewahrt werden muss. Im Keller.

Aber es gibt einen Bereich, der macht es mir nach wie vor nicht einfach. Und das sind meine Bücher. Ich habe seit jeher Bücher gern gelesen und auch gern im Regal aufbewahrt, angeschaut. Inkorporiertes Bildungskapital nannte der französische Soziologe Pierre Bordieu das. Und ja, sie sind nicht nur Erinnerungen, nicht nur Wissen, sie sind auch Aushängeschild meiner Interessen. Oft genug haben Personen, die sich das erste Mal in meine Wohnung aufgehalten haben, minutenlang interessiert in den Reihen umgeschaut. Immer, und ich meine wirklich immer, haben sich daraus interessante Gespräche ergeben. Bücher sind wichtig für mich.

Aber Sie nehmen auch viel Platz weg. Sie stauben zu und auch erinnern sie mich gern einmal daran, dass nicht unerheblich viele von Ihnen in den Regalen noch gelesen werden möchten. Und dann immer die Qual der Wahl auf Reisen, welche man denn nun mitnehmen und lesen möchte, denn ich lese in der Tat auch gern unterwegs.

Es muss 2007 oder 2008 gewesen sein, also Sony seinen ersten massenmakttauglichen eBook-Reader auf den Markt brachte. Stolze 300 Euro waren dafür fällig und ich habe sofort zugegriffen, so fasziniert war ich von der Idee. Seitdem hat sich viel getan. Die Geräte sind billiger geworden, können mehr und das Angebot der Verlage steigt stetig. Für mich lässt zwar die Preisgestaltung derzeit noch viele Wünsche offen, aber das lasse ich zunächst einmal außen vor, denn darum geht es nicht. Ein „analoges“ Buch kostet Geld, und ein digitales Buch ebenso. Auch die Frage des „Formatproblems“ lasse ich noch unbeantwortet, auch wenn es sicherlich ein wichtiger Aspekt ist. Denn mein Problem, und ich merke, dass ich nicht der Einzige bin dem es so geht, beginnt an einem anderen Punkt.

Für mich sind eBooks immens praktisch, ich lese sie auf meinem iPad mini und meinem Kobo-Reader, letzterer kommt vor allen Dingen im Park und am Strand zur Nutzung, während das iPad mini mein alltägliches Leseleben begleitet und ermöglicht. Dutzende Bücher habe ich dabei und suche je nach Stimmung aus, was ich gerade lesen möchte. Alles gut soweit, alles schön soweit.

Doch was ist mit meiner Bücherwand, meiner „Bildungsbürgertapete“? Der Begriff ist übrigens nicht abwertend gemeint, auch wenn es sicherlich beim ersten Aufkommen des Begriff so gemeint sein sollte. Ich möchte das ignorieren, denn der Begriff beschreibt sehr gut, was Bücher für mich in der heutigen Zeit sind. Sie sind inzwischen zu einem nicht unerheblichen Teil zur Sichtbarmachung meines inkorporierten Bildungskapitals geworden, denn ich lese nicht oder nur noch kaum in Ihnen, sofern ich eine digitale Fassung besitze.

Aber … und hier wird es wichtig. Das ist lediglich meine Ansicht, und vielleicht noch einiger anderer Leute. Ich kann die Faszination am gedruckten Buch nach wie vor nachvollziehen, und schätze sie auch bei jenen Menschen, die tatsächlich noch gern im gedruckten Buch lesen. Wer die Haptik und den Geruch nicht missen möchte, für den werden digitale Bücher kaum eine Alternative sein, und sie müssen es auch vorerst nicht. Dieser Artikel versucht auch nicht eine Prognose zu geben, ob und wenn ja wann das gedruckte Buch sich warm anziehen muss. Ich glaube es wird immer gedruckte Bücher geben, die Frage ist nur wie dieser Markt dann aussieht.

Ich hingegen möchte jenen, die sich in meine Lage versetzen können, die vielleicht das gleiche Problem haben, Mut machen, sich vor das eigene Bücherreal zu stellen und anzufangen. Es ist nicht einfach, aber wer weniger Dinge in seinem Lebensumfeld stehen haben möchte, der wird nicht um diese Tat herumkommen.

Ich habe mich für folgende Vorgehensweise entschieden. Zunächst einmal habe ich alle Bücher, von denen ich eine digitale Fassung besitze aus dem Regal gezogen und jedes dieser Bücher einer Prüfung unterzogen. Hat es eine besondere Bedeutung für mich? Ist nur der Inhalt bedeutsam, die gedruckte Fassung aber nicht, dann kommt es in die Kiste (was damit geschieht, kommt später). Sind es jedoch Sonderausgaben, oder Exemplare mit Widmungen der Autoren, oder Geschenke die mir etwas bedeuten, dann dürfen Sie vorerst bleiben. So darf „Die Stadt der Engel“ von Christa Wolff bleiben, denn Sie hat mir jenes Exemplar kurz vor Ihrem Tod signiert. Unbezahlbar für mich. Auch die Büchergilde-Fassung von „Fahrenheit 451“ darf und muss bleiben, die deutsche Taschenbuchausgabe des Buches hingegen nicht, denn die habe ich digital und sie hat für mich keinen erweiterten Wert mehr. Und so habe ich Stück für Stück, Buch für Buch den analogen Bestand reduziert. Eine Umzugskiste ist voll mit Büchern, die ich zwar aufheben möchte, derzeit aber nicht in Regalen stehen haben muss, ihre digitalen Fassungen werden mir in den kommenden Jahren vollkommen reichen. Zwei weitere Kisten sind voll mit Büchern, von denen ich mich nun trennen werde. Ich werde sie verschenken, verkaufen, einen Bücherflohmarkt mit Ihnen füllen, ich werde sie spenden, aber auf kurz oder lang werden die gedruckten Fassungen meine Regale nicht weiter füllen.

Mein Weg ist hier auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen und es wird auch noch eine Weile dauern, aber ich empfinde Freude am Prozess. Ein angenehmer Nebeneffekt, die Liste der Bücher, die mir wieder in Erinnerung gerufen wurden, ist lang. Dort warten so viele interessante Geschichten, ich kann es kaum erwarten.

Lang lebe das Buch.

Sven Görgens
twitter: Sven_G

 

Danke Sven für diesen Gastbeitrag auf minimalismus-leben.de  - Michael

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3 Jahre Minimalismus leben

Simplicity

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Heute auf den Tag genau vor 3 Jahren habe ich den ersten Beitrag online gestellt. Seitdem ist viel passiert. Über 200 Beiträge sind dem Ersten gefolgt. Der Minimalismus Podcast ist auch schon 1,5 Jahre alt und 3 Minimalismus Treffen sind in den vergangenen Jahren auch schon abgehalten worden. Seit einigen Monaten gibt es immer mehr lokale Treffen. Das erste in Hamburg, seit kurzem das Minimalismus Treffen NRW / Ruhrgebiet in Essen und nächste Woche Sonntag auch eins in KölnBonn. Außerdem gab es einige Zeitungs, Radios und Fernsehinterviews zum Thema Minimalismus, in denen ich um meine Meinung gefragt wurde.

Ich stelle mir natürlich die Frage, was mir diese 3 Jahre gebracht haben, wo ich jetzt stehe, wo ich hin möchte und wie es mit dieser Seite weitergeht.

Was mir besonders am Herzen liegt, ist der direkte Austausch, vor Ort, Live, im wirklichen Leben. Aber auch hier, auf der Seite wird es in den nächsten Wochen einige Neuerungen geben. Der Minimalismus leben Youtube Kanal wird mit Leben gefüllt und es wird einen Newsletter geben. Die Vorbereitungen dafür dauern leider etwas länger als erwartet, aber das Warten lohnt sich.

An dieser Stelle möchte ich allen Danken, die diesem Blog trotz einiger Durststrecken so treu folgen, die sich in den Kommentaren einbringen, die ich auf Treffen kennengelernt habe und allen, mit denen ich mich persönlich via Mail und Telefon ausgetauscht habe.
Danke sagen möchte ich an der Stelle auch an alle Medienvertreter, mit denen ich Kontakt hatte. Die Stimmung war immer konstruktiv und von ehrlichem Interesse geprägt.

- Ich weiß nach 3 Jahren, was mein Minimum ist.
- Ich weiß, dass Reduzieren, Entrümpeln und Loswerden nur der halbe Weg ist
- Ich weiß, dass dieser Weg, der richtig für mich ist
- Ich weiß, dass ich nie nur 100 Teile besitzen werde

Was hat dich die letzten 3 Jahre an dieser Seite interessiert? Was würdest du dir konkret Wünschen?
Wie hat sich Dein Minimalismus entwickelt, wo stehst du gerade?